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* Rosso:

 

Als Antifa-AG der Uni Hannover haben wir zuletzt deutliche Kritik an den Positionen und der Politik von Luca Casarini und des von ihm geführten Flügels der italienischen Disobbedienti (Ungehorsamen) geübt und davon gibt es auch nichts zurückzunehmen. Nicht aus Trotz oder Dickköpfigkeit, sondern weil die Beteiligung dieses Flügels der italienischen Autonomen unter dem Namen Senza Volto (Die Gesichtlosen) an den mitte-linken Vorwahlen zur Kür des Spitzenkandidaten und künftigen Ministerpräsidenten nicht nur der klassische “Reinfall zu Schaffhausen” waren, sondern dieser pseudo-partizipativen Farce zur Inthronisierung des christdemokratischen ex-Konzernschefs (IRI) und ex-EU-Kommissionspräsidenten Prodi als Legitimation dienten und linksradikale Politik lächerlich machten. Auch Casarinis inhaltliche Nähe zu Antonio Negri und dessen kruden Empire”- und Moltitudine”-Theorien, die Herrn Negri u.a. zur Verteidigung der neoliberalen EU-Verfassung und zur generellen Unterstützung des EU-Imperialismus gegen den US-Imperialismus veranlassten, gibt stark zu denken. Drittens teilen wir die Kritik der Cobas (und anderer Teile der italienischen radikalen Linken), die auf der zentralen Rolle des Widerspruchs zwischen Lohnarbeit und Kapital, also auf der berühmten “Sozialen Frage” insistieren und Casarini & Genossen zu Recht vorwerfen, dass diese sich zugunsten der individuellen Bürgerrechte und eines Zivilgesellschaftsdiskurses genau davon zunehmend entfernen.

 

Soweit unsere alte (und noch immer aktuelle) Kritik, die sich in der Kernaussage zusammenfassen lässt , dass Luca Casarini immer in der Gefahr schwebt nicht dem Klassenkampf und der sozialistischen Revolution, sondern faktisch einer Art „Ultra-Linksliberalismus“ das Wort zu reden, die auch seine Nähe zu den italienischen Grünen erklärt. Seit Ende letzten Jahres hat die autonome Szene (d.h. das Lager der Disobbedienti) allerdings auch erhebliche Wandlungen durchgemacht, die zur Spaltung in mehrere separate Flügel führten und dazu, dass sich große Teile (bzw. ihre führenden Köpfe) in die mitte-linke Wahlallianz integrierten und dafür reichlich politischen ‚Ballast‘ über Bord warfen. In derselben Richtung bewegt sich in der BRD die ebenfalls im letzten Jahr anlässlich der Mobilisierung gegen das G8-Treffen im Juni 2007 in Heiligendamm gegründete sog. Interventionistische Linke”, die sich PDS und WASG als außerparlamentarischer Arm anzudienen versucht. Wobei dieser Prozess hierzulande noch nicht so weit fortgeschritten ist wie in Italien. Dort hat das rechtzeitige Aufspringen auf den Karren von Rifondazione Comunista (die sich von der Linkspartei.PDS kaum noch unterscheidet) einige prominente Disobbedienti und Sprecher von Centri sociali bis in die Abgeordnetenkammer gespült. (Siehe dazu auch nebenstehenden Artikel !) Von deren rascher Wandlung zu Bellizisten hebt sich Casarini wohltuend ab, wie der Kommentar beweist, den er aus Anlass einer (schlecht besuchten) landesweiten Anti-Kriegs-Demo in Rom für die unabhängige linke Tageszeitung “il manifesto vom 30.9.2006 verfasste und der in der Zwischenzeit – aufgrund der Entwicklung – eher noch an Aktualität gewonnen hat.

 

Kommentar:

 

In Rom und Padua: Gegen linke Mauern und Kriege!

 

Luca Casarini

 

Heute werde ich zusammen mit vielen meiner Genossen nicht in Rom sein, auch wenn wir gern an der Anti-Kriegsdemonstration teilgenommen hätten. Mit jedem Tag, der vergeht, wird das Endergebnis der politischen Entscheidungen der Regierung deutlicher. Keine Wende in Sachen Krieg, der bei der Regierung einer ungerechten Welt, in der Elend und Ungleichheit durch die Gewalt der Militärs aufrechterhalten werden müssen, eine “Normalität” bleibt. Der letzte Akt der Farce der “Friedenstruppen für den Libanon” wird durch das Votum einer Großen Koalition im Parlament gut repräsentiert. Es sind seit jeher immer alles Friedensmissionen! Wie Bush sagt und wie <der Alleanza-Nazionale-Chef und ex-Außenminister> Fini sagt. Und wie all die Herren Abgeordneten sagen, die ehemals “Anti-Kriegs-Aktivisten” waren. Dass die UNO zum globalen Polizeirevier wird, ist heute das maximale Bestreben derjenigen, die uns als “absolute Gewaltfreie” Stockhiebe verpassten, weil das Tragen eines Helms auf einer Demonstration Gewalt ist”.

 

Afghanistan wird unterdessen weiter gepeinigt und die schönen Worte von der Exit Strategy <Ausstiegsstrategie> kehren in mit der Trikolore bedeckten Särgen zurück. Im Libanon ist es China, ein Land mit 10.000 Todesstrafen im Jahr, das zusammen mit der mitte-linken Armee die “Demokratie” sichert. Wie es auf jenem Tienanmen-Platz der Fall war, auf dem Prodi jüngst spazieren ging und die Schlächter von damals ehrte. Oder wie in Afghanistan handelt es sich um ein von den USA aufgezwungenes Parlament. In Pakistan dagegen ist es eine Militärdiktatur, die als Bezugspunkt dient. Israel hält für uns an den Hunderten Atomwaffen fest, die seine Arsenale füllen. Sorgen macht man sich allerdings, dass der Iran eine einzige davon baut. Den globalen, auch in seinen unipolaren oder multipolaren Zügen, die er den Umständen entsprechend annimmt, asymmetrischen Krieg können nur die Bewegungen und nicht die Regierungen in Frage stellen. Die Regierungen, wie die heutige in Italien sollte am Kragen gepackt und gezwungen werden, sich unter den Schlägen eines radikalen sozialen und humanen Konfliktes zu beugen, der das große Grauen und die große Heuchelei hinweg fegt. Es ist jenes argentinische Que se vajan todos (Sie sollen alle verschwinden!) und jenes mexikanische Ya Basta!” (Es reicht!), dass auch hierzulande nötig wäre.

 

Wir sind heute nicht in Rom, sondern in Padua, wo dieselben “absoluten Gewaltfreien” vor einer Woche mit dem CS-Gas aus Genua auf uns schießen ließen und uns – genau wie in Genua – verhafteten, nachdem sie mit den Tonfa-Knüppeln Köpfe eingeschlagen und Nasen und Arme gebrochen hatten. Sie mussten von ihrer Polizei (der Polizei des Ministers Amato <ex-PSI>, der die Spezial-Sammellager will, “weil die Migranten Krankheiten einschleppen”) genau wie in Genua eine rote Zone verteidigen lassen. Hinter der roten Zone fand kein Gipfel von Mächtigen statt. Da gab es nur das Symbol ihrer kleinen, niederträchtigen Macht: Eine Mauer, drei Meter hoch und 80 Meter lang, die dazu dient, “die Banden von Drogendealern” des Ghettos in der Via Anelli “zu isolieren”. Schade nur, dass hier viele Leute leben: Familien, Männer, Frauen und Kinder und das nicht aus eigener Schuld. Schade, dass der Prohibitionismus jede Nische (anfratto) in einen Supermarkt illegaler Drogen verwandelt, kontrolliert von Dealern, die dealen, um was zu werden. Schade, dass eine Stadt militärisch getrennt wurde in “Gute, Gesunde und Weiße” sowie “Schwarze, Schmutzige, Kranke und Drogenabhängige”.

 

Und was sollen wir in Bezug auf die Demo “gegen die Prekarität am 4. November 2006 machen? Der Geist der Versammlung vom Juli <auf der sie beschlossen wurde> ist tot und begraben. Sollen wir hingehen, um zum Teil der gezähmten Straße zu werden, die einem Teil der Regierung dazu dient – trotz allem – zu behaupten, dass sie links ist? Sollen wir gegen das Bossi-Fini-Einwanderungsgesetz <der abgewählten Regierung Berlusconi> mobilisieren, obwohl das Amato-Dekret noch schlimmer ist? Sollen wir gegen das Biagi-Gesetz <d.h. das Gesetz Nr. 30 aus 2003 zur Förderung prekärer Beschäftigung> kämpfen und <die ebenfalls neoliberalen, aber mitte-linken Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitiker> Treu, Visco und Padoa Schioppa umarmen? Und sind sich die Mitglieder der Regierungsparteien, die sich dieser Mobilisierung bereits bemächtigt haben, um sie ihres Inhaltes zu berauben, darüber im Klaren, dass es lächerlich ist gegen die Regierung zu mobilisieren, wenn Du selbst die Regierung bist? Den Genossen, die heute in Rom sind und allen, die weiterhin in den Städten, den Stadtteilen und den Universitäten kämpfen, rufen wir die Frage zu:

Wie lange lassen wir sie noch gewähren?

 

 

 

Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügungen in eckigen Klammern:   * Rosso

 

Der Name * Rosso steht für ein Mitglied der Antifa-AG der Uni Hannover und des Gewerkschaftsforums Hannover, das bereits in der Vergangenheit den Großteil der Übersetzungsarbeit beider Gruppen übernommen hatte. Nach Auflösung der Antifa Uni (nach mehr als 17jährigem Bestehen Ende Oktober 2006; siehe: http://antifa.unihannover.tripod.com/Aktuell.html) erscheinen die explizit politischen Übersetzungen von nun an in individueller Verantwortung unter diesem Logo. Die Übersetzungen der gewerkschaftsbezogenen Texte erfolgen ab sofort nur noch im Namen und in der Verantwortung des Gewerkschaftsforums Hannover.

 

Hinweise, Kritik, Lob oder Anfragen wegen Referaten zur politischen und sozialen Entwicklung in Italien (oder in Palästina) ab jetzt mit einer Mail an: negroamaro@mymail.ch  oder  gewerkschaftsforum-H@web.de