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Antifa-AG der Uni Hannover & Gewerkschaftsforum Hannover:

Der folgende Artikel stammt aus der in Mailand produzierten, monatlich erscheinenden online-Zeitschrift "REDS" Nr. 53 (neue Serie), November 2001. Die Zeitung und die gleichnamige Gruppe sind 1997 / 98 aus einer Abspaltung der italienischen Sektion der IV. Internationale (Vereinigtes Sekretariat / Krivine, Maitan & Genossen), d.h. der Gruppe um die Zeitschrift "Bandiera Rossa" hervorgegangen. "REDS" ist zwar sehr (zu eindimensional) bewegungsorientiert und zuweilen auch reichlich moralistisch, aber immer intelligent, frech und gut informiert.

Die Krise der Antiglobalisierungsbewegung

Die Gründe der Krise und ein Vorschlag, um aus ihr herauszukommen.

Wenige Monate nach ihrem Entstehen ist die Antiglobalisierungsbewegung bereits in der Krise. Sehr wenige haben Lust es offen zu sagen. So groß und so zahlreich waren die Erwartungen, die uns alle bis vor zwei Monaten animierten. Die Dinge müssen jedoch beim Namen genannt werden.

Die Krise

Die Anzeichen der Krise sind ziemlich deutlich. Zwischen August und Anfang September sind ungefähr 90 lokale Sozialforen entstanden. Das Wachstum war stürmisch und einige Male nicht ganz spontan (siehe unseren Artikel "Sozialforen: Das was nicht geht"), aber es war in jedem Fall kennzeichnend für eine gewisse Dringlichkeit sich unabhängig von den Unterschieden zusammenzusetzen und die kollektive Erfahrung, die Genua darstellt, "Früchte tragen zu lassen".

Heute wohnen wir einem jähen Absinken der Beteiligung an den Sozialforen der großen Städte bei. Der Enthusiasmus, der die einzelnen Aktivisten animierte, hat eine herbe Redimensionierung erlitten. Die Bewegung in ihrer Gesamtheit und ihre einzelnen Bestandteile verwenden einen Großteil der eigenen Versammlungen dafür, über sich selbst zu reden: Regeln, Funktionen, Aufgaben, Arbeitsgruppen, Rolle der Sprecher, mit dazugehörenden endlosen Vermittlungstreffen zwischen den verschiedenen Bestandteilen über die Worte und die Kommas dieser oder jener Mitteilung etc. So ist die Versammlung der Sozialforen am 20. und 21. Oktober 2001 in Florenz verlaufen, aber im Grunde sind auch die regionalen Versammlungen des Lilliput-Netzwerkes (wo die Debatte über die Beziehungen zur Bewegung im Mittelpunkt standen) so verlaufen. Wenn die Bewegungen gesund sind, diskutieren sie nicht über sich selbst (darüber, wer man ist und was man machen will), sondern "sie tun es".

So beginnen wir immer mehr Leute zu finden, die von den Sozialforen enttäuscht sind ("Die reden nur und kommen nie zum Ende.") und andere die mehr zu einem bestimmten Bestandteil <der Bewegung / d.Ü.> gehören, die die Verantwortung dafür allen Anderen aufbürden: Der Militante des Bereiches COBAS, der die Disobbedienti (Ungehorsamen) und die vom Lilliput-Netzwerk unerträglich findet. Derjenige von Lilliput, der dem "Bereich des PRC" <Partito della Rifondazione Comunista - im Volksmund kurz: Rifondazione /d.Ü.> die Schuld gibt, ohne allzuviele Unterschiede zwischen den einzelnen Teilen der Partei zu machen. Derjenige von Rifondazione, der es mit den "Katholiken" hat <die das Lilliput-Netzwerk dominieren, in dem andererseits auch die "REDS"-Redaktion mitarbeitet ! / d.Ü.>, weil sie die Bewegung nicht "politisieren" etc. Das Ergebnis ist, daß wir einer Rückkehr zur lokalen und Fraktionsdimension beiwohnen. In wenigen Worten: Enttäuscht von den "allgemeinen" Organisationsformen der Bewegung "kehrt" die Masse der Aktiven zu den Ursprungsgruppierungen (Partei, Gewerkschaft, Vereinigung) oder zur noch "kleineren" Dimension (dem Stadtteil, dem Dorf etc.) "zurück". Die Sozialforen verwandeln sich so in Zwischengruppen, in Arenen, in denen sich die zahllosen Führungen, die die Zersplitterung der 90er Jahre produziert hat, auseinandersetzen. Wir sind einen Schritt von der Auflösung entfernt. Der einzige wirkliche Grund, warum diese Führungen es interessant finden, in "großen" Bereichen vertreten zu sein, ist gerade das Vorhandensein einer "Masse", die sie beeinflussen können, aber wenn diese verschwindet, können wir sicher sein, daß wir binnen kurzem Spaltungen, Absetzbewegungen und das Flüchten der obengenannten kleinen Leitungsschichten erleben werden. Das heißt die Sozialforen laufen Gefahr ein Organisationskürzel bzw. leere Hüllen zu werden. Und an verschiendenen Orten sind sie es teilweise bereits.

Die Gründe der Krise

Die Gründe für diese Krise sind "objektive" und "subjektive". Der objektive Grund ist selbstverständlich der 11.September. Die Anschläge haben in absolut negativer Weise auf die Bewegung gewirkt. Das ist in erster Linie geschehen, weil die Antiglobalisierungsbewegung nach den Ereignissen von Genua eine breite Massensympathie genoß - eine Sympathie, die von allen als etwas Anregendes / Stärkendes, als eine Art von "Fieber" empfunden wurde, das bei der Durchführung jeder Art von Iniziative half. Nach dem 11.September und dem Entfesseln des "Zivilisationskrieges" (siehe unsere Lesart der Ereignisse in "Das Dilemma der Starken" und "Der unendliche Kreuzzug") ist diese Sympathie redimensioniert worden. In gewissem Maße sind die westliche Welt und ihre entwerteten Werte, die von der Antiglobalisierungsbewegung zur Diskussion gestellt worden waren, getroffen worden, allerdings in einer unseren Methoden und unseren Hoffnungen diametral entgegengesetzten Weise (d.h. durch den Terrorismus) und haben dadurch auf der Massenebene eine defensive, stammesmäßige und ethnische Reaktion hervorgerufen und die Zirkulation des Antiglobalisierungs-Diskurses schwierig gemacht.

In zweiter Linie haben die komplexe Natur des islamischen Fundamentalismus und die objektive Schwierigkeit das Wesen des stattfindenden Krieges in der Tiefe zu begreifen, die gesamte Bewegung, die - ohne ein Wort zu sagen - schändliche Maßnahmen wie das neue Einwanderungsgesetz oder die repressive Welle, die in bezug auf die Islamisten entfesselt worden ist, hat passieren lassen, auf der interpretativen Ebene ohnmächtig gemacht. Alle waren mittlerweile daran gewöhnt die Herrschaft des Westens über die Welt vom Gesichtspunkt des kritischen Konsums, der Genmanipulation und des Imperiums des Logos aus zu betrachten, aber nicht von seiner robusten Seite aus: der des Krieges. So ist eine Bewegung, die sich als gewaltfrei definiert, nicht in der Lage gewesen, eine systematische Opposition gegen die grausamste Form der Gewalt zu praktizieren: die des Krieges der Mächtigen.

Die subjektiven Gründe sind schnell genannt (wir haben darüber in "Sozialforen: Das was nicht geht" gesprochen). Die Versammlungen der Sozialforen - die nationale in Florenz eingeschlossen - sind Versammlungen, wo das neue Engagement sich formiert oder wiedergefunden hat. Mitzureden hatte es während und nach Genua kein Wort. Die 90er Jahre haben sehr viele zersplitterte und sich untereinander bekriegende politische Leitungsschichten ins Leben gerufen. Centri sociali, kleine Gewerkschaften, Gewerkschaftsoppositionen <vor allem in der CGIL /d.Ü.>, kleine politische Organisationen, interne Strömungen im PRC und große Vereinigungen haben Leitungsgruppen hervorgebracht, die daran gewöhnt sind Politik in Form von Minderheiten zu machen. Ihre "Kampfarenen" sind bis gestern die internen Strömungskämpfe im PRC und innerhalb der Linksdemokraten (DS), die in der Gewerkschaft, zwischen den verschiedenen Bestandteilen der Basisgewerkschaftsbewegung, diejenigen in den Institutionen zugunsten von "Projekten" etc. gewesen. Es sind Gruppen, die immer nur auf eine kleine Anzahl vom Militanten gezählt haben, an deren Initiativen sich nur sehr begrenzte Teile der Massen ("Immer die Üblichen.") beteiligt haben und die daran gewöhnt sind alles auf eigene Rechnung zu tun, gerade ohne sich mit "Anderen" in Beziehung zu setzen. Diese Führungsgruppen haben sich - von unten und durch die Ereignisse gedrängt - (sehr ungern) zusammengefunden, um eine Bewegung zu leiten, die eine Massenbewegung war und diese ziemlich schwierige Prüfung nicht bestanden. Sie haben in diese Bewegung, die durstig nach einer anderen Art des Politik-Machens war, alle die sehr alten Arten des Politik-Machens hineingetragen: Die übertriebene Orientierung auf die Führung, die Schlitzohrigkeiten der Korridorspiele, um hinter den Kulissen die Vermittlungen zwischen Führungsgruppen unter Ausschluß des Willens der Basis hin zu bekommen, den Chauvinismus <hier im Sinne von: Männerdominanz /d.Ü.> und die Neigung überall dabei sein zu wollen, die viele Versammlungen von Sozialforen in einen unerträglichen Laufsteg weitschweifiger und überflüssiger Diskussionsbeiträge verwandelt hat, die Sehnsucht nach Hegemonie, das Nichtsagende, die Unterwürfigkeit gegenüber den Massenmedien etc. etc. Das alles ist durch die schwerwiegende Glocke der Heuchelei verschärft worden, die diese offensichtlichen Begrenzungen umhüllt. Zum Beispiel sind alle in Worten für die horizontale Struktur, aber sie achten sehr darauf dieser Forderung keine konkreten Beine zu geben. In einigen Städten behalten eng begrenzte Gruppen das Monopol der "Kontakte" (Namen, Adressen, e-mail-Verteiler). Die Leitungsposten und die einleitenden Berichte sind Besitztümer eng begrenzter Kreise etc. In Worten sind alle gegen die Orientierung auf die Führung (leaderismo). Faktisch sind es dann immer dieselben, die mit den Zeitungen sprechen. Und so weiter. Die Antiglobalisierungsbewegung hat eine neue Generation von Aktivisten hervorgebracht. Nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene, die in den 90er Jahren am Rande standen und die nun neue Motivation fanden. Aber die alten, kleinen, äußerst schlitzohrigen Führungsgruppen sind allen mit ihrer Art schnell auf den Keks gegangen. Diejenigen, die in Florenz beschlossen (oder nicht beschlossen) haben, waren gewiß nicht die 90 lokalen Sozialforen, sondern die Chefs der verschiedenen Strömungen, die hinter den Kulissen ihre Kompromisse gesucht haben, ohne daß ihnen - unter anderem - auch nur das gelungen wäre.

Was tun ?

Das deutlichste Anzeichen der Zerbrechlichkeit dieser Bewegung in allen ihren Teilen bildete das Verhalten gegenüber dem Krieg. Gegen den Krieg zu kämpfen, bedeutet heute auch sich gegen den "gesunden Menschenverstand" eines Gutteils der Bevölkerung zu stellen. Auf der Seite der islamischen Einwanderer zu stehen, bedeutet sich einer guten Portion Unpopularität sicher zu sein. Wir haben jedoch mit großer Bitterkeit die vollständige Flucht eines Teiles der Bewegung vor der Aufgabe, der Lynchathmosphäre gegenüber der islamischen Gemeinde entgegenzutreten, registriert. Eines Teiles, der sich als gewaltfrei erklärt hat, aber gegen jene Form verabscheuenswürdiger Gewalt nichts von Bedeutung getan hat. So haben die verschiedenen Teile der Basisgewerkschaftsbewegung nichts Besseres gefunden als in den Berufsgruppen, in denen sie stärker sind, an unterschiedlichen Terminen Generalstreiks zu proklamieren, ohne sich zu einigen, um einen einheitlichen Streik gegen den Krieg durchzuführen, der die Beteiligung auch von bedeutenden Teilen der CGIL gefunden hätte. Wir haben den Eindruck, daß in der Bewegung eine Art von stiller Hoffnung überwiegt, daß dieser Krieg rasch zuende ist und alles wieder so ist wie vor dem 11.September als man sich in aller Ruhe mit den so weit entfernten multinationalen Konzernen auseinandersetzen konnte. Doch, Freunde und Genossen: Dies ist die Globalisierung. Dies ist die blutige Herrschaft über die Welt durch eine "Zivilisation" über alle anderen - einer Zivilisation, deren Teil wir sind und gegen die wir kämpfen müssen, wenn wir nicht in den Augen des Restes der Welt als Komplizen dastehen wollen.

Der Krieg gegen Afghanistan ist Teil des Krieges gegen die islamischen Länder, der seinerseits Teil des Krieges ist, der seit 500 Jahren gegen den Süden der Welt andauert. Jeder Teil der Bewegung kann seinen zweckdienlichsten und spezifischen Beitrag leisten, um diesen Krieg zu beenden (und gleichzeitig gegen den Taliban-Faschismus zu kämpfen, z.B. indem er Gruppen unterstützt, die seit Jahren gegen diese kämpfen, wie RAWA). Man darf sich nicht bezüglich der Mittel dieses Kampfes spalten. Die gewerkschaftlichen Bestandteile <der Antiglobalisierungsbewegung /d.Ü.> (Confederazione Cobas, CUB, RdB, SLAI Cobas, Unicobas, USI, RSU-Delegierte der CGIL und andere) können sich untereinander über einen Generalstreik einigen, der über die kleinlichen Organisationskalküle hinausgeht. Die Vereinigungen des Lilliput-Netzwerkes können die eigenen Sensibilisierungskapazitäten von unten in den Dienst des Kampfes gegen das religiöse und ethnische Vorurteil stellen. Der Bereich der disobbedienti (Ungehorsamen), der eine größere Jugendverankerung hat, könnte diese benutzen, um in den Schulen und in den Universitäten ein zivilgesellschaftliches Antikriegsbewußtsein wachsen zu lassen und aus den centri sociali Inseln der Begegnung zwischen Arabern und Italienern werden zu lassen etc.

In einer Situation verschlechterter Verhältnisse glauben wir nicht an irgendein rettendes Umdenken irgendeiner Führungsgruppe. Aber jeder von uns - zu welcher Gruppe oder welchem Teil er auch gehört - kann Druck machen, damit die eigene Gruppe den Kampf gegen den Krieg zum zentralen Thema der eigenen Initiative macht. Die Wiedervereinigung der Bewegung kann von unten ausgehen, wenn - in der Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit der Initiativen - alle zusammen dafür kämpfen, den Krieg zu beenden. Und die Signale dieser Opposition müssen klar und deutlich und nicht nur in Italien, sondern in der ganzen Welt erkennbar sein. Nur so können wir dazu beitragen auch die politische Strömung des islamischen Fundamentalismus zu besiegen, die sonst Gefahr läuft - genährt durch unsere Gleichgültigkeit - auch unter den Immigranten Anhänger zu gewinnen. Gewiß, in diesem Kampf gibt es keinen Zweifel, daß wir uns mit der Regierung Berlusconi anlegen werden. Das ist die Regierung des Krieges. Es ist die Regierung der Kollision der Zivilisationen und das ist der Grund dafür, daß wir nicht ohne die kostbare Einheit auskommen können, die wir in Genua geschaffen haben. In Florenz ist es unseren Führern nicht gelungen, sie zu erhalten. Als einzelne Aktivisten können wir jedoch die einzelnen Gruppen, in denen wir aktiv sind, beeinflussen, um sie dazu zu drängen, dem Nein zum Krieg und der Solidarität gegenüber Immigranten Priorität einzuräumen.

Wir haben den Eindruck, daß die Krise der Antiglobalisierungsbewegung vorübergeht. Wir erleben keine massenhafte Rückkehr nach Hause. Es gibt keine <grundsätzliche /d.Ü.> Einstellung der Aktivität, aber der Neuaufschwung ist nicht absehbar. Gegenüber der enormen Aufgabe, vor der man unerwartet gestanden hat (dem Kampf gegen die Kollision der Zivilisationen, dem Kampf gegen den Krieg), auch in dem Moment, in dem Splitter des Südens der Welt auch uns und unser ruhiges Alltagsleben getroffen haben, ist die Bewegung wie verkrampft und festgenagelt, unsicher, konfus und zaudernd. Und auch die internen Streitereien in den Führungsgruppen der Bewegung, während die Nacht in Afghanistan von den Bomben erhellt wurde, die auf alle, außer auf die Taliban fielen, haben etwas Unmoralisches und Obzönes. Wenn wir nicht noch vor der politischen die ethische Kraft haben, den Kampf gegen den Krieg “unserer” Zivilisation als zentrale Aufgabe für uns alle zu übernehmen, ist es diese Bewegung nicht wert zu existieren, ist sie nur die kleine Revolte von kleinen, satten, unzufriedenen, weißen Menschen / Männern.

<Alle Hervorhebungen wie im Original ! /d.Ü.>

Vorspann, Übersetzung und Anmerkungen in eckigen Klammern:
Antifa-AG der Uni Hannover und Gewerkschaftsforum Hannover