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Antifa-AG der Uni Hannover & Gewerkschaftsforum Hannover:

 

Seit die Krise in Argentinien im November / Dezember 2001 auch politisch offen ausbrach und sich in – zum Teil mit blutiger Repression bekämpften – Massenprotesten Luft machte, die den Rücktritt zweier Präsidenten erzwangen, auch wenn sie eine grundlegende politische Wende nach links bis heute nicht durchsetzen konnten, haben international insbesondere die sogenannten piqueteros auf sich aufmerksam gemacht. Dennoch sind Zeugnisse über diese neue Kampfform, die militante Streikpostenketten mit der Aktion jeweils Hunderter oder Tausender organisierter Arbeitsloser verbindet und auf diese Weise Streiks zum Erfolg verhilft, durch die Lahmlegung des Verkehrs oder die Blockade staatlicher Behörden Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und finanzielle Unterstützung erzwingt oder auch schonmal die Lagerbestände von Supermärkten unter den Bedürftigen verteilen hilft, in Westeuropa bisher sehr rar. Ein wenig Abhilfe kann da das folgende Interview mit der Europa-Vertreterin der MTD, Neka Jara, schaffen, das die kleine italienische kommunistische Tageszeitung “Liberazione” am 20.7.2002 veröffentlichte.

 

 

Interview mit Neka Jara, “Botschafterin” der Bewegung der argentinischen piqueteros.

 

“Den Kampf gegen den Kapitalismus globalisieren.”

 

Checchino Antonini

 

Genua (Unser Dienst)

 

“Sperren wir die Straße, um den Weg zu ebnen !” Der Slogan der argentinischen piqueteros spricht dieselbe Sprache und verbreitet dieselben Suggestionen wie die Zapatisten oder die Völker von Genua. Und zu diesen Letzteren ist Neka Jara gekommen, um zu fordern, “den Kampf gegen diesen Kapitalismus zu globalisieren”. Gestern war Neka zusammen mit dem Franzosen Michel Husson und einem Vertreter der kolumbianischen Coca Cola-Arbeiter in dem der Arbeit gewidmeten Workshop <der Aktionstage zum 1. Jahrestag der Anti-G8-Proteste in Genua, die wiederum dort stattfanden>. Als 40jährige Psychotherapeutin aus Buenos Aires ist Neka eine piquetera, eine “Botschafterin”, die seit einem Monat für den MTD, der zur Coordinadora “Annibal Veron” (benannt nach einem der von der argentinischen Polizei Ermordeten) gehörenden Bewegung der Erwerbslosen Arbeiter (MTD), in Europa ist. Die erste Frage ist genau die nach der Repression, die Neka als eine “politische Form” bezeichnet, die von einer Regierung gewählt worden ist, die sich in einer institutionellen Krise befindet, um die Interessen der multinationalen Konzerne zu verteidigen. Dies allerdings angesichts der Radikalisierung und der Verankerung des sozialen Konfliktes. Die Diktatur in Südamerika hat sich nur verändert und “nur so ist es zu erklären, wieso in Argentinien (einem Land, das reich an Erdöl, Getreide und Fleisch ist) 60% der Leute unter der Armutsschwelle leben”.

 

Was erwartest Du Dir von den Treffen der letzten Wochen mit den antagonistischen Bewegungen und nun von dieser Beteiligung an Genua ?

 

“Wir hoffen uns mit jenen Organisationen zu verbinden, die gegen die Ursache der Arbeitslosigkeit kämpfen: diesen Kapitalismus. Es gibt verschiedene Realitäten und unterschiedliche Praktiken des Kampfes auf der Welt und dies kann man auf einer gemeinsamen Ebene artikulieren. Die Situation ist die eines Kapital-Krieges, eines Finanz-Krieges, der alle Arbeiter angreift, nicht nur die argentinischen. Die Europäische Union ist zusammen mit den Vereinigten Staaten mitverantwortlich dafür.”

 

Und Ihr, welchen Eindruck habt Ihr vom Aufstieg der Proteste gegen die Globalisierung von Seattle bis Genua ?

 

“Das Erste, was man bemerkt (besonders hier in Italien, aber auch in Spanien), ist das Wiederaufleben und der Reichtum der Arbeiterkämpfe. Wenn wir uns gegenseitig von unseren Erfahrungen berichten, finden wir viele Ähnlichkeiten auch in den Praktiken. Wir glauben an die Einheit. Es existiert ein gutes Verständnis der gegenseitigen Abhängigkeit und es scheint mir, daß man überall dabei ist, eine Plattform gegen die Ausgrenzungen und die Privatisierungen zu entwickeln. Jeder kämpft gegen die eigene ALCA (die amerikanische Freihandelszone in Südamerika, die aber mit grausamer sozialer Ausgrenzung und Ausbeutung einhergeht). Ja es ist die Mühe wert, daß wir uns treffen, wenn wir konkret arbeiten. Ein neuer Internationalismus ist dabei sich abzuzeichnen. Vorläufig ist es ein Prozeß.”

 

Was sind außer den Streikposten (piquete), die aktuellen Instrumente Eurer Kämpfe ?

 

“Der piquete ist nur eines unserer Instrumente. Die Ziele sind Arbeit, Würde und soziale Veränderung. Deshalb bedarf es hinter den Streikpostenaktionen der Organisation. In jedem Barrio (Stadtviertel) sind wir dabei Räume für die Selbstverwaltung zu schaffen, angefangen bei Formen kollektiver Wirtschaft, um die Notwendigkeiten des Volkes in Angriff zu nehmen. Wir setzen auf <öffentliche medizinische> Sprechstunden, Flohmärkte und Lebensmittelproduktion. Dario, unser Genosse, der am 26. Juni <2002> mit 21 Jahren getötet wurde, arbeitete in einer selbstverwalteten Ziegelei. Er brannte Ziegel. Maximiliano (zwei Jahre älter und am selben Tag ermordet worden) hingegen war in der Bäckerei tätig und beide arbeiteten an den Bildungs- und Sicherheitsdiensten der Gemeinden von Lanus und Almirante Brown, zwei Stadtteilen von Buenos Aires, mit.”

 

Vorbemerkung, Übersetzung aus dem Italienischen und Einfügungen in eckigen Klammern:

Antifa-AG der Uni Hannover und Gewerkschaftsforum Hannover