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THEMEN AUS DEM AUSLAND Donnerstag, 18. Juli 2002
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SZ-Interview mit Hamas-Führer Zahar

„Wir beanspruchen ganz Palästina“

Die islamistische Organisation lehnt Frieden mit Israel ab und will auch weiterhin Zivilisten töten

Die „Islamische Widerstandsbewegung“ (Hamas) gilt als wichtigste radikalislamische Gruppe im Westjordanland und im Gaza-Streifen.Im Gespräch mit der SZ bekräftigt der Arzt Mahmut Zahar , eines ihrer führenden Mitglieder in Gaza, die unversöhnliche Haltung der Organisation.

SZ: Mit ihren Selbstmordattentaten haben die Palästinenser eines erreicht: die Wiederbesetzung der Autonomiegebiete durch Israel. War das ihr Ziel?

Zahar: Dieses Land ist seit 1967 be-setzt. Die Besatzung vor Beginn der Al-Aqsa-Intifada im September 2000 war eine komfortable Besatzung. Die Lage jetzt ist eigentlich nicht neu – außer dass die Israelis nun ganz zurück sind. Seit den Verträgen von Oslo gab es keinerlei Souveränität. Diese Tatsache zeigt die wahren Absichten Israels. Unser Ziel ist es, die Besatzung zu beenden und die Siedlungen abzubauen. Wir können solange kämpfen, bis die Israelis unser Gebiet verlassen.

SZ: Welche Grenzen genau umfasst ihr „Gebiet“?

Zahar: Unser Gebiet ist wohl bekannt. Es wird seit vielen hundert Jahren Palästina genannt. 1948 kamen Ausländer aus Polen, Amerika, den arabischen Ländern und besetzten unser Gebiet. Palästina ist also sehr bekannt. Nur: Heute nennt man es Israel.

SZ: Ihr endgültiges Ziel ist . ..

Zahar: Unser Ziel ist die Errichtung eines panislamischen Staates, wie er noch vor einhundert Jahren hier bestand.

SZ: Das war aber ein osmanischer Kolonialstaat, kein Staat, in dem die Araber die Souveränität ausübten.

Zahar: Aber es war ein islamischer Staat. Wir unterscheiden nicht zwischen Arabern, Persern, Türken, Afrikanern, Europäern. Wenn wir Muslime sind, sind wir Brüder. Es war ein Osmanisches Reich, ja, aber es war unser Staat.

SZ: Und diesen Staat wollen Sie wieder herstellen?

Zahar: Ja. Die Amerikaner haben sich auch von den Briten befreit. Deutschland hat sich vereinigt. Verschiedene europäische Völker mit verschiedenen Sprachen haben die Europäische Union gegründet. Wir sind Araber, wir sind Muslime, wir sprechen dieselbe Sprache.

SZ: Was passiert mit den Israelis in Ihrem neuen Staat?

Zahar: Unter dem Islam lebten Juden als wahre Bürger. Es war das goldene Zeitalter der Juden. Es gab keine Pogrome.

SZ: Die Hamas bezeichnet sich auch als eine soziale Organisation. Ihr Krieg brachte den Menschen noch mehr Armut.

Zahar: Das ist nicht unser Krieg. Sie führen Ihre Leserschaft in die Irre. Dies ist unser Land. Und die Israelis kamen aus Europa. Die Deutschen ermordeten die Juden, nicht wir. Wir kämpfen lediglich gegen eine illegale Besetzung unseres Landes.

SZ: Aber Israel ist ein international anerkannter Staat. Sogar die Arabische Liga will Israel anerkennen.

Zahar: Das heißt, dass Okkupation legal ist?

SZ: Innerhalb der Grenzen von 1949 ist Israel ein anerkannter Staat.

Zahar: Von den arabischen Staaten haben nur Ägypten und Jordanien Israel anerkannt. Wir verteidigen unsere Rechte. Insofern interessiert uns die internationale Meinung nicht. Unsere Menschen werden getötet und eingekerkert.

SZ: Warum begrenzen Sie Ihren Widerstand nicht auf das Westjordanland ? Warum töten Sie Zivilisten in Israel?

Zahar: Der Westen schaut zu, wenn die Israelis Zivilisten töten. Sie im Westen haben nur ein Auge – ein Auge für die Israelis. Denn die Juden litten in Ihren Ländern unter Diskriminierung, Verfolgung, Massakern. Jetzt beruhigen Sie Ihr Gewissen, indem Sie Israel unterstützen. Deshalb spricht niemand über die israelischen Verbrechen hier. Niemand bei Ihnen spricht über Dschenin. Nach Dschenin haben Sie mich nicht gefragt.

SZ: Nach den Vorfällen Dschenin fragen wir die Israelis.

Zahar: Gut, das akzeptiere ich. Wir kämpfen hier nicht, um Israel zu besetzen. Wir kämpfen um die besetzten Gebiete zu befreien und einen unabhängigen Staat zu gründen. Wir haben leider keine F-16-Flugzeuge und keine Apache-Hubschrauber, um das israelische Militär anzugreifen. Daher kämpfen wir auf unsere Weise.

SZ: Warum organisieren Sie keinen gewaltlosen Widerstand? Gandhi befreite Indien von England ohne Gewaltanwendung.

Zahar: Eine sehr gute Frage. Wir sind nicht Gandhi. Und die britische Besatzung Indiens war keine Besatzung nach israelischem Muster. Warum haben sich die Franzosen gegen die deutsche Besatzung durch Hitler nicht mit gewaltfreien Mitteln gewehrt?

SZ: Sie sagen also, dass die israelische Besatzung Palästinas brutaler ist als die britische seinerzeit in Indien?

Zahar: Natürlich. Die Israelis zerstör-ten 459 palästinensische Städte und Dörfer, nachdem sie im Mai 1948 ihren Staaten ausgerufen hatten. Die Briten haben niemals Inder aus Indien vertrieben.

SZ: Das Kampfmittel der Hamas sind Selbstmordattentäter. Was verspricht die Hamas den jungen Leuten, die sich selbst mit in die Luft sprengen?

Zahar: Das sind keine Selbstmordattentäter. Das sind Märtyrerbomben. Außerdem versprechen wir nichts. Die Menschen lesen den Koran. Sie lesen über die Geschichte des Islam. Sie sind davon überzeugt, Märtyrer zu sein. Wir sind nicht irgendein abergläubisches Volk. Wir sind Ärzte, Ingenieure. Die Leute mit der besten Ausbildung finden sich bei Hamas. Wir leben nicht mit Mythen. Wir haben die höchsten akademischen Grade in dieser Gesellschaft.

SZ: Welche Taktik verfolgen Sie? Wann immer ein Schritt zum Frieden möglich erschien, schickte Hamas einen Selbstmordattentäter.

Zahar: Sie bestehen auf der Bezeichnung Selbstmordattentäter. Kein Problem.

SZ: Wann immer ein US-Vermittler kam, gab es eine Bombe. Wollten Sie den Frieden verhindern?

Zahar: Das ist auch so eine zionistische Propaganda. Die erste solche Operation stammt aus dem Jahr 1994, als der Israeli Baruch Goldstein in Hebron 29 Muslime erschoss. War Goldstein Mitglied der Hamas ? Und wenn es sich wirklich um einen Friedensprozess gehandelt hätte, warum haben die Israelis ihren Rückzug so lang hinaus gezögert? Wegen unserer Märtyrer-Operationen? Nein. Sie wollen einfach dieses Land nicht verlassen.

SZ: Ein anderes Thema. Jassir Arafat steckt in großen politischen Schwierigkeiten.

Zahar: Wir haben Arafat immer gewarnt. Wir haben ihn aufgefordert, den Israelis auf keinen Fall zu trauen.

SZ: Und was hat Arafat geantwortet?

Zahar: Er hat gesagt, dass es einen Friedensprozess gäbe, den man weiter führen müsse. Nun muss er die bitteren Früchte essen, die er hier gepflanzt hat.

SZ: Wird Hamas an den angekündigten Wahlen teilnehmen?

Zahar: Wenn es Wahlen zur „Gesetzgebenden Versammlung“ sind, wie sie in den Verträgen von Oslo vorgesehen sind, ist die Antwort ein klares Nein. Wenn es sich um Wahlen für einen palästinensischen Staat handelt, dann müssen wir uns erst beraten.

SZ: Sie würden also vielleicht einen unabhängigen Staat im Westjordanland und in Gaza akzeptieren?

Zahar: Ja, als Übergangsstaat. Das heißt aber nicht, dass wir unser Recht auf ganz Palästina aufgäben. Eine solche Entscheidung würde von der nächsten Generation widerrufen. Dieses Gebiet war so oft besetzt, von den Kreuzfahrern etwa und den Briten. Die israelische Besatzung ist deshalb kein fremdes Phänomen hier. Sie wird früher oder später zu Ende gehen müssen. Wenn wir sie nicht beenden, dann wird es die nächste oder übernächste Generation tun.

Interview: Heiko Flottau



Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 18. 07. 02