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Antifa-AG der Uni Hannover und Gewerkschaftsforum Hannover:

Ein Jahr nach dem Zusammenschluß der verschiedenen Teile des linken Flügels der größten italienischen Gewerkschaftszentrale CGIL unter der Bezeichnung “Cambiare rotta - Lavoro Società” (Den Kurs ändern - Arbeit-Gesellschaft) zieht die zum linken Flügel von Rifondazione Comunista gehörende Zwei-Monats-Zeitschrift “Falce Martello” (Hammer & Sichel) in der Nummer 144 vom 25.1.2001 eine erste kritische Zwischenbilanz dieses Projektes:

“Cambiare rotta” (Den Kurs ändern):
Neue Inkarnation einer Apparatlinken

Es ist wenig mehr als ein Jahr vergangen, seit man begonnen hat, über eine neue Linke in der CGIL zu diskutieren, die sich offiziell am 10.November 2000 im Neuen Theater in Mailand unter dem Namen “Cambiare rotta” formiert hat. Wenige, aber bemerkenswerte Streitfragen haben gezeigt, wie sehr die großen Proklamationen der vergangenen Monate bereits mit Nichtbeachtung gestraft worden sind.

von Paolo Grassi

Tatsächlich ist kurz vor der Versammlung im Neuen Theater der Tarifvertrag für den Warentransportsektor unterzeichnet worden, dem Alternativa Sindacale <Gewerkschaftliche Alternative = die größte Teilströmung der CGIL-Linken> eine “kritische Unterstützung” gegeben hat. Jener Tarifvertrag ist nur der letzte der vielen auf den Linien der Juni-Abkommen <von 1992 und 93> unterzeichneten und stellt eine weitere Verschlechterung für die Arbeitenden dar. In Stichworten: Erhöhung der Flexibilität, unzureichende Lohnerhöhungen, keine Arbeitszeitverkürzung und die Möglichkeit für die Unternehmen die Pausen und das wöchentliche Arbeitsband nach eigenem Gutdünken zu regeln.

Im übrigen hat man die Tatsache, daß “Lavoro Società” mit dem falschen Fuß aufgestanden ist, gerade während der Debatte im Neuen Theater gesehen als die Arbeiten für einige Minuten unterbrochen wurden, um den Zanussi-Arbeitern die Ehrerbietung zu erweisen, die den neuen ergänzenden Betriebstarifvertrag akzeptiert hatten, in dem “die Arbeit auf Abruf ausgeschlossen worden ist”. Ist es möglich, daß wir begeistert sind, nur weil die Arbeit auf Abruf in einem derartigen Abkommen nicht enthalten ist ?  Ist es möglich, daß in einer Versammlung, in der die wichtigsten Führer der CGIL-Linken versammelt sind, keinem von diesen in den Sinn kommt, einen Augenblick innezuhalten, um zu begreifen, was das neue betriebliche Ergänzungsabkommen bei Zanussi tatsächlich vorsieht ?  Viel zu sehr damit beschäftigt, den Leitfaden zwischen den verschiedenen “Sensibilitäten” in der CGIL zu finden, haben sie es vernachlässigt, den Anwesenden zu sagen, daß an Stelle der Arbeit auf Abruf der vertikale Teilzeit-Zyklus eingeführt worden ist, d.h. die Möglichkeit für das Unternehmen Personal auf unbestimmte Zeit einzustellen, das ausschließlich in den Perioden des Jahres beschäftigt wird, die durch, mit der Saisonbedingtheit des Produktes verbundene, Produktionsspitzen gekennzeichnet sind (siehe “Falce Martello” Nr. 142 und 143).

Die Wahrheit ist, daß weder Alternativa Sindacale noch der Area dei comunisti und um so weniger diejenigen, die sich erst jüngst zur Opposition gesellt haben (wie Zipponi und Cremaschi) in den letzten Jahren wirklich fähig gewesen sind, unter den Werktätigen einen Kampf auf der gesamten Breite des Feldes voranzubringen. Sie haben es vorgezogen, ihr Handeln auf begrenzte gewerkschaftliche Bereiche und eine zur Niederlage verdammte Kampflogik in den Sekretariaten und in den Leitungsgremien zu beschränken.

Wenige Arbeiter haben in den letzten Jahren einen Unterschied zwischen den von einem Funktionär der Gewerkschaftslinken bzw. einem aus der Mehrheit stammenden gesehen. Auch in jenen Branchen oder Kammern der Arbeit <wie die Ortskartelle der Gewerkschaftsbünde in Italien heißen>, in denen die Linke eine bestimmte Stärke hatte und Sekretäre stellte, hat es nicht eine Auseinandersetzung gegeben, die die Logik der konzertierten Aktion kippte. Nicht ein alternativer Tarifvertrag, der den Arbeitern unterbreitet worden wäre, nicht ein an die Fabriken gerichteter, zusammenhängender / glaubwürdiger und koordinierter Kampf gegen die von den nationalen Sekretariaten unterzeichneten und neue Verluste bescherenden Abkommen.

Die Vorstellung, die diese Gewerkschaftslinke von sich selbst gibt, ist die desjenigen, der sich anschickt, die gescheiterte Erfahrung, die die vorhergehenden Linken gemacht haben, schlechter zu wiederholen. Während Essere Sindacato <Gewerkschaft sein = die vereinte CGIL-Linke Anfang der 90er Jahre unter Führung des heutigen Sekretärs von Rifondazione Comunista, Fausto Bertinotti> nichts anderes als die Vereinigung derjenigen war, die von Anfang an gegen die Juli-Abkommen von 1992 und 93 waren, gibt es in dieser Linken auch diejenigen, die diese Abkommen geteilt und angewendet haben.

Diese Betrachtungen sind durch das Verhalten verstärkt worden, das von den wichtigsten Führern von Lavoro Società in der <CGIL-Metallarbeitergewerkschaft> FIOM während des für den 12. Januar nach Bologna einberufenen nationalen Aktivs gezeigt worden ist. Cremaschi (Sekretär der FIOM Piemont), Zipponi (Sekretär der FIOM Lombardei) und die anderen Führer der Gewerkschaftslinken haben eine kritische Haltung gegenüber der bescheidenen Lohnforderung von FIM, FIOM und UILM <den Metallergewerkschaften der Bünde CISL, CGIL und UIL> eingenommen, aber gleichzeitig den anwesenden Delegierten nicht die Instrumente in die Hand geben wollen, um einen wirklichen Kampf zu führen, um die Beschäftigten aufzufordern, beim Referendum darüber, das in den nächsten Tagen an den Arbeitsplätzen stattfinden wird, mit Nein zu stimmen. Die von Cremaschi vorgebrachten Begründungen sagen viel über die reale Fähigkeit dieser Führer aus, die interne Opposition in der CGIL zu führen. Er ist soweit gegangen zu sagen, daß ein Sieg des Nein leichter ist, wenn wir Gewerkschaftslinken nichts sagen, weil häufig dort, wo wir Nein sagen, die Ja-Stimmen gewinnen.

Wenn diese Worte diejenigen, die sie lesen, verblüffen, dann versucht Euch mal die Gesichter der auf der Versammlung anwesenden Delegierten vorzustellen.

Man sollte bedenken, daß derselbe Cremaschi fast jeden Tag in der linken Presse Analyseartikel über den Zustand der Arbeiterklasse und darüber schreibt, daß es erforderlich ist, für eine kämpferische CGIL zu kämpfen.

Diese Führer ziehen die auftauchenden Anzeichen einer Mobilisierung der Werktätigen in keiner Weise in Betracht, die in Gegentendenz zur Vergangenheit stehen - angefangen bei den FIAT-Streiks mit Beteiligung von über 80% bis hin zu den Streiks für die Erneuerung des ergänzenden betrieblichen Tarifabkommens (bestimmte Beteiligungsquoten bei FIAT hat man seit 1980 nicht gesehen), mit dem <süditalienischen> Werk Pratola Serra, das auch aufgrund der Entlassung zweier RSU-Delegierter drei Tage hintereinander streikt.

Aber damit ist es nicht genug. Zipponi, der in der Versammlung <der CGIL-Linken in Mailand> am 10.November 2000 von der Bühne aus die Auflösung der alten Komponenten der Gewerkschaftslinken forderte, war auf dem Aktiv am 12.Januar 2001 der hartnäckigste Widersacher gegen einen von einigen RSU-Delegierten vorgelegten Antrag, der vorschlug, daß sich die Gewerkschaftslinke in einem offenen Kampf engagiert, um eine alternative Position in bezug auf den klaren und beschlossenen Tarifvertrag zu beziehen. (Über den Antrag ist im Artikel zum Nationalen Metallarbeiter-Tarifvertrag in dieser Ausgabe berichtet worden.)

Eine Gewerkschaftslinke zu schaffen, ist eine wichtige Aufgabe für alle Delegierten und Aktivisten, die eine kämpferische Gewerkschaft haben wollen. Aber ebenfalls wichtig ist es, zu begreifen, daß eine so zweideutige Gewerkschaftslinke nicht nur von den Arbeitern, die bereit sind zu kämpfen, nicht in Betracht gezogen wird, sondern dabei enden wird, sich jenen Führern anzuschließen, die für das Nachgeben in den letzten Jahren verantwortlich sind.

In diesen Jahren hat es einen bedeutenden Generationswechsel gegeben. Heute sind 50% der Gewerkschaftsmitglieder jünger als 40 Jahre. Tausende von Jugendlichen sind neu in die Fabriken oder in Sektoren wie den Großhandel oder die Call Center gekommen. Jugendliche, die nicht wissen, was die Gewerkschaft der Räte der 70er Jahre ist, die weder die selbsteinberufene Bewegung der 80er Jahre noch Essere Sindacato am Anfang der 90er gekannt haben. Jugendliche, die sich vielleicht nur z.T. an die Mobilisierungen von 1994 gegen Berlusconi erinnern, die aber vor die Perspektive gestellt, die ihnen für die Zukunft angeboten wird, das Rückgrat der kommenden Kämpfe sein werden. Kämpfe, die - wie in den vergangenen Jahren - diese Gewerkschaft unvermeidlich in den Grundfesten erschüttern werden.

Vorspann, Übersetzung und Anmerkungen:
Antifa-AG der Uni Hannover und Gewerkschaftsforum Hannover