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„junge Welt“ 20.10.2004

 

Interview:

Interview: Daniel Behruzi

 

»In der gesamten Industrie sind Aktionen nötig«

 

Kampf der Bochumer Opel-Arbeiter hat auch für andere Betriebe große Bedeutung. IG Metall darf nicht zum Papiertiger werden. Ein Gespräch mit Theo Völkl

 

* Theo Völkl ist betrieblicher Funktionär und Aktivist der IG Metall bei Porsche in Stuttgart-Zuffenhausen

Sie sind am Dienstag mit einer Delegation aus dem Porsche-Werk Zuffenhausen von Baden-Württemberg nach Bochum gereist, um an den Protesten der Opel-Beschäftigten teilzunehmen. Aus welchem Grund?

"Zum einen wollten wir unsere Solidarität mit den bedrängten Kolleginnen und Kollegen zeigen, denn von der IG Metall selbst kommt in dieser Hinsicht zu wenig. Zum anderen finden wir es hervorragend, daß endlich ein Betrieb, der unter Druck steht, zu den richtigen Gegenmaßnahmen greift. Auch bei Porsche stehen im Frühjahr Verhandlungen an und dabei wird es ebenfalls um Einsparungen auf unsere Kosten gehen. Wenn die Opelaner hier in Bochum einen Sieg erringen, verbessert sich unsere Ausgangsposition erheblich. Dann wird es auch in unserer Firma leichter sein, den Widerstand zu organisieren."

Bei Siemens in Bocholt und Kamp-Lintfort wurde die Arbeitszeit unbezahlt verlängert. Bei DaimlerChrysler wurde die angestrebte Personalkostensenkung trotz großer Kampfbereitschaft vollständig durchgezogen. Jetzt sind Opel und VW dran. Wie kann die IG Metall dieses Dominospiel beenden?

"Die Gewerkschaft müßte massive gemeinsame Aktionen in allen Industriezweigen organisieren – nicht nur in der Autoindustrie. Bei Porsche fordern wir das seit langem, sowohl vom Vorstand der IG Metall als auch im Kreis der Betriebsratsvorsitzenden der Automobilindustrie. Leider werden unsere Vorschläge bislang mit einer Verzögerungstaktik beantwortet. Wir können es uns nicht leisten, weiter Häuserkämpfe zu führen. Die IG Metall darf nicht zum Papiertiger werden. Zur Zeit sieht es so aus, daß die Gewerkschaft permanent nur über Rückschritte verhandelt. So geht es nicht weiter."

Die IG Metall bekommt es ja nicht einmal hin, in einem gewerkschaftlich hervorragend organisierten Großbetrieb wie Opel den Kampf der Bochumer auf die anderen Werke auszudehnen. Woran liegt das?

"Ich befürchte, daß man in höheren Funktionärskreisen der Meinung ist, daß ein »Gesundschrumpfen« in der Automobilindustrie unumgänglich ist und die Löhne der gewerblichen Arbeiter tatsächlich zu hoch sind. Deshalb meint man wohl, daß ein Nachgeben bei den tariflichen Standards zum Erhalt von Arbeitsplätzen am sogenannten Standort Deutschland führen könnte. Wir halten diese Verzichtsmentalität für falsch. Da meinen einige IG-Metall-Funktionäre, deutsche Standort- und Industriepolitik machen zu müssen – auf den Knochen der Kollegen, die täglich an den Bändern stehen."

Welche Schlußfolgerungen muß die Linke in den Betrieben und Gewerkschaften aus dieser Tatsache ziehen?

"Die Linke zeigt im Moment leider, daß sie den Ernst der Lage nicht begriffen hat. Es gibt in vielen Automobilbetrieben linke, fortschrittliche Gewerkschafter. Wenn man sich anschaut, wer hier nach Bochum kommt, dann ist das meiner Ansicht nach ein jämmerliches Bild, das die ehrliche Betriebslinke abliefert. Die Kollegen müssen begreifen, daß es um eine zentrale politische Auseinandersetzung geht und nicht um ein Bochumer Opel-Problem. Allein mit Solidaritätserklärungen übers Fax ist es nicht getan. Alle sind aufgefordert, möglichst gemeinsam mit ihren Belegschaften, massive Unterstützung für Opel Bochum zu leisten. Ich sehe, daß die Linke bundesweit, aber auch international, leider nicht auf der Höhe der Zeit ist."