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Antifa-AG der Uni Hannover & Gewerkschaftsforum Hannover:


Den folgenden Beitrag könnte man auch mit der Überschrift versehen “So fern und doch so nah!”. Tatsächlich ähneln die aktuellen sozialen Auseinandersetzungen in Südkorea, bei aller Unterschiedlichkeit der Formen, in der Substanz sehr stark denjenigen in Westeuropa, was letztlich auch nicht verwundern kann, ist Südkorea doch seit einigen Jahren zum OECD-Mitglied aufgestiegen und bewegt sich was den Stand der Produktivkräfte anbelangt durchaus auf unterem EU-Niveau. Deshalb und auch weil dieses Land in Arbeitskämpfen hierzulande immer wieder als Erpressungsmittel herhalten muß, ist es unseres Erachtens wichtig die Klassenkämpfe dort besonders intensiv zu beobachten. Einen Beitrag zur Verbesserung der Informationslage leistet die linke italienische Tageszeitung “il manifesto” in dem folgenden Artikel vom 13.11.2003 über den von der unabhängigen und kämpferischen Gewerkschaftszentrale KCTU organisierten Generalstreik.


Anti-Neoliberalismus auf koreanisch


Generalstreik in Seoul gegen den Angriff auf die Arbeitsrechte. Metallarbeiter in der ersten Reihe. Ein Kampftag der Industrie- und der Transportarbeiter, der von den unabhängigen Gewerkschaften Südkoreas angesetzt wurde und wochenlangen Mobilisierungen folgt. Die Rechte und die Prekarität der Arbeit stehen im Mittelpunkt der harten Auseinandersetzung mit der Regierung, die nicht zögert die Polizei gegen die Arbeiterdemonstrationen einzusetzen.


Marina Forti


Der für gestern vom südkoreanischen Gewerkschaftsbund KCTU angesetzte ganztägige Generalstreik verlief friedlich. Die KCTU ist der unabhängige Gewerkschaftsbund, der sich das Recht auf legale Existenz mit harten Kämpfen für die Demokratie Mitte der 90er Jahre erstritten hat. Der Streik erfaßte vor allem die Großindustrie der Metall- und Chemiebranche sowie den Transportsektor – allesamt Hochburgen der KCTU. Die Meldungen über die Beteiligung sind widersprüchlich: Laut dem Gewerkschaftsbund legten ca. 150 000 der 650 000 Mitglieder die Arbeit nieder oder verringerten die Produktion in mindestens 120 Betrieben. (In Südkorea sind keine Branchengewerkschaften, sondern nur Betriebsgewerkschaften erlaubt.) Laut dem Arbeitsministerium beteiligten sich dagegen 44 000 Arbeiter in 77 Betrieben, auch wenn diese Zahl die partiellen Arbeitsniederlegungen und Demonstrationszüge innerhalb der Werksgelände nicht einschließt.


Auch die internationalen Presseagenturen melden, daß der Streik weniger massiv war als angenommen. Sie berichten jedoch auch von einer Unzahl an Protesten, von Hyunday Motor in Ulsan (der absolut gesehen stärksten Gewerkschaft, die die wahre Stärke der unabhängigen Gewerkschaftszentrale ausmacht) bis zur Eisenbahn und der U-Bahn der Hauptstadt Seoul sowie der Hafenstadt Inchon, wo die Gewerkschaften beschlossen hatten, den Dienst nicht zu unterbrechen, um den Fahrgästen keinen Schaden zuzufügen.


Außerdem demonstrierten ca. 50 000 Gewerkschaftsaktivisten vor der Nationalversammlung in Seoul. Das Parlament und die Regierung des Präsidenten Roh Moo-hyun bilden die “Gegenseite” des gestrigen Streiks. Die Gewerkschaft fordert, daß ein Gesetz abgeschafft wird, das es den Arbeitgebern erlaubt sich, im Falle eines “illegalen” Streiks beim Vermögen der Gewerkschaften und der einzelnen Beschäftigten zu bedienen. Darüberhinaus prangern sie auch den Entwurf für eine Reform der industriellen Beziehungen an, der den Unternehmen ihrer Ansicht nach mehr Macht zu Repressalien gibt.


Diese Gefahr ist alles andere als eine theoretische. Im vergangenen Sommer hatten die Gewerkschaften nach einer Welle von Arbeitskämpfen im Transportsektor, in der Chemieindustrie und in den Manufakturen Lohnerhöhungen und einige Reduzierungen der Arbeitszeit durchgesetzt. Allerdings waren 111 Gewerkschafter verhaftet worden, von denen 56 im Knast bleiben und diverse öffentliche und private Unternehmen gingen gegen 46 der KCTU angeschlossene Gewerkschaften und die jeweiligen führenden Funktionäre vor Gericht und verlangten “Schadenersatz” in Höhe von insgesamt 140 Milliarden Won (d.h. 118 Millionen US-Dollar).


Die andere Frage, die im Mittelpunkt des Kräftemessens steht, ist die “irreguläre”, die prekäre Arbeit. 60% der Arbeitskraft in Südkorea besteht aus irregulär Beschäftigten, wie wir der Website des KCTU entnehmen, d.h. aus befristeter, Teilzeit- oder “indirekter” Arbeit (der Dschungel der Auftragsarbeiten ...). Die irregulär Beschäftigten werden schlechter bezahlt als die dauerhaft Beschäftigten, die die gleiche Arbeit machen. Im Durchschnitt bedeutet das 648 Dollar monatlich gegenüber 1 420 Dollar – das heißt die Hälfte. Ein Heimarbeiter bekommt im Durchschnitt 420 $, einer “on call” (auf Abruf) 580 $. Und diese Zahlen sinken noch weiter, wenn der prekär Beschäftigte eine prekär Beschäftigte <also weiblich> ist.


Der Punkt ist, daß die prekäre Beschäftigung und die verschiedenen Formen der Flexibilität seit der Krise von 1997 in dramatischer Weise zugenommen haben. Präsident Roh hatte sich dazu verpflichtet die Diskriminierung der irregulär Beschäftigten gegenüber den dauerhaft Beschäftigten abzuschaffen, aber er hielt dieses Versprechen nicht, beklagt der KCTU.


Der gestrige Streik ist der Höhepunkt einer Serie von gewerkschaftlichen Aktionen, die Ende Oktober nach der dramatischen Geste eines Gewerkschafters der Hanjin Heavy Industries, Kim Joo-ik, begann, der Selbstmord beging, indem er sich von einem Kran stürzte. Im Laufe weniger Tage wurde seine Tat von zwei weiteren Gewerkschaftsaktivisten nachgeahmt. Ein vierter liegt im Koma. Damals begannen Protest-Sitzstreiks, dann gab es einen halbtägigen Generalstreik am 6.November und eine landesweite Demonstration am 9.November.


Die Auseinandersetzung hat eine radikale Wendung genommen. In der vergangenen Woche waren die Demonstrationen mit gewalttätigen Zusammenstößen (mit Tränengas auf der einen und Molotov-Cocktails auf der anderen Seite) zuende gegangen. Das schafft für den Präsidenten Roh eine schwierige politische Situation, da er vor seiner Wahl Anwalt für Arbeits- und Menschenrechtsfragen war und vor einem Jahr mit Unterstützung auch der Gewerkschaften gewählt wurde. Roh verurteilte die Anwendung von Gewalt, will den Dialog aber fortsetzen. (Andererseits muß er sich Mitte Dezember wegen eines politischen Finanzierungsskandals einer Vertrauensabstimmung stellen.) Währenddessen beschuldigt die (konservative) Opposition gerade den Präsidenten die Gewerkschaften durch seine “Zugeständnisse” zur Gewalt ermutigt zu haben.


Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügungen in eckigen Klammern:

Antifa-AG der Uni Hannover und Gewerkschaftsforum Hannover