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Antifa-AG der Uni Hannover & Gewerkschaftsforum Hannover:


Die Verhaftungswelle gegen Mitglieder der süditalienischen Antiglobalisierungs-Bewegung Mitte November 2002 auf der Grundlage von Straftatbeständen, die unter Mussolini geschaffen wurden, stellt einen weiteren gravierenden Akt von Repression seitens des bürgerlich-kapitalistischen Staatsapparates gegen diese im Grundsatz (bzw. in der überwältigenden Mehrheit) durchaus systemimmanente Bewegung dar. Wie die Ereignisse in Seattle, Göteborg, Nizza, Genua oder Kopenhagen gezeigt haben, ist das keine Besonderheit des Mezzogiorno (d.h. Süditaliens). Und auch wenn die Betroffenen nach gut zwei Wochen Knast wieder freigelassen und die (dem Faschismus zu verdankenden) Vorwürfe fallen gelassen werden mußten, sollte uns das nicht in Sicherheit wiegen und schon gar nicht zur “Tagesordnung” übergehen lassen. Wir bringen daher hier, neben einer politisch-juristischen Einschätzung und der Stellungnahme der Confederazione COBAS, auch eine Übersetzung des Artikels aus der kleinen kommunistischen Tageszeitung “Liberazione” vom 4.12.2002 über die Freilassung, um stellvertretend für alle Betroffenen die drei “Subversiven” Francesco Caruso, Pierpaolo Solito und Michele Santagata in dieser Sache zu Wort kommen zu lassen:



Die Antiglobalisierungsaktivisten aus der Haft entlassen. Der Haftbefehl annulliert. Alle Beschuldigten auf freiem Fuß. Francesco Caruso: “Es wird ihnen nicht gelingen, die Bewegung mit Handschellen aufzuhalten.”


Die “Subversiven” kommen aus dem Gefängnis


Sabrina Deligia


Alle frei. Aber noch ist es nicht zuende. Das Überprüfungsgericht von Catanzaro hat die Haftentlassung aller “Subversiven” aus Cosenza, Taranto und Kampanien beschlossen, die am 14. und 15. November verhaftet worden waren. Der von der Staatsanwaltschaft Cosenza geforderte Haftbefehl ist somit annulliert. Francesco Caruso und die anderen Aktivisten der Bewegung wurden gestern morgen, nach fast 20 Tagen Gefängnis oder Hausarrest, “befreit”, blieben aber Beschuldigte, die sich auf freiem Fuß befinden.


Die von der Anordnung von Untersuchungshaft betroffenen Antiglobalisierer wurden unter dem Vorwurf äußerst schwerwiegender Delikte verhaftet. Zu diesen Anschuldigungen gehören jene der “subversiven Vereinigung” sowie der “Konspiration und Subversion gegen die ökonomische <sic !> Ordnung des Staates”. “In diesem Moment können meine Gedanken nirgendwo anders sein als bei den Tausenden Gefangenen, die praktisch in menschlichen Mülldeponien eingeschlossen sind, in denen die elementarsten Rechte Dinge sind, um die man flehen muß”, hat Caruso am Morgen erklärt als er aus dem Gefängnis Mammagialla in Viterbo kam.


“Wir danken dem Staatsanwalt von Cosenza dafür, daß er uns dieses Inferno, den Dante’schen Kreis der Gefängnisse in Italien, wo es möglich war ein unendliches Drama mit der Hand zu berühren, hat besuchen lassen. Es ist absolut notwendig an dieser Front zu arbeiten, weil das Gefängnis in keiner Weise der Wiedereingliederung, sondern nur der Bestrafung dient. Auch das elementarste Grundrecht wird <dort> etwas, um das man flehen muß. Wir fordern Straferlaß und Amnestie für die Inhaftierten und werden zu diesem Thema von uns hören lassen”, erklärte Caruso weiter, bevor er mit den Eltern ins Auto stieg. Während er jeden Kommentar auf die Pressekonferenz verschob, die am Nachmittag in Neapel stattfand, bestätigte der Führer des Sud ribelle (Rebellischer Süden) für heute seine und die Beteiligung der Antiglobalisierer an der Demonstration der FIAT-.Arbeiter von Melfi. <= Relativ neues FIAT-Werk in der süditalienischen Region Molise>


Die Bewegung lanciert neu


Und von Neapel, vom besetzten Laboratorium SKA, aus lancieren Caruso, Pierpaolo Solito und Michele Santagata (zwei weitere, gestern morgen aus der Haft entlassene, Antiglobalisierer) die Kämpfe der Bewegung neu. “Es ist ihnen mit den Gummiknüppeln in Neapel nicht gelungen, es ist ihnen mit den Kugeln in Genua nicht gelungen und es wird ihnen <auch> jetzt mit den Handschellen nicht gelingen, die Bewegung aufzuhalten”, begann Caruso vor sehr vielen Genossinnen und Genossen, die ihn erwartet hatten, um auf die “Befreiung” anzustoßen. “Die Bewegung geht gestärkt daraus hervor und zwar in dem Bewußtsein, den Kampf für die Werte, an die sie glaubt, fortzusetzen. Wenn sie denken, daß sie uns beugen, uns zum Schweigen bringen, dann haben sie sich getäuscht”, stellte der Führer des Rete No global (Antiglobalisierungs-Netzwerkes) sofort klar. “Wir werden zusammen mit den Arbeitern des <sizilianischen> FIAT-Werkes in Termini Imerese in Melfi sein, um erneut die Aufmerksamkeit auf die Themen dieses durch die Arbeitslosigkeit gemarterten Südens zu richten und dann alle wegen des EU-Gipfels nach Kopenhagen. Ich hoffe, daß es zwischen Weihnachten und dem Jahreswechsel die Gelegenheit geben wird, um wieder vor die Gefängnisse zu ziehen und unsere Stimme der Solidarität hörbar zu machen.” Im Kalender der in die Freiheit zurückgekehrten Disobbedienti (Ungehorsamen) ist auch <noch> Platz für den Freund und Kampfgenossen Don Vitaliano della Sala, der <vom Vatikan> als Pfarrer der Gemeinde von Sant’Angelo a Scala abgesetzt wurde: “Wir sind ihm nahe und wir werden ihm nahe sein. An Weihnachten werden wir alle bei ihm in der Messe sein, um gemeinsam eines jener prächtigen Krippenspiele zu veranstalten...”


Menschliche Mülldeponien


Caruso und die anderen aus der Haft entlassenen “Subversiven” sind von ihrer “absurden” Erfahrung in der Haftanstalt von Viterbo stark “gezeichnet”. Sie können die Menschen nicht vergessen, die im Trakt II B im Gefängnis Mammagialla zurückblieben.


“Wir haben von allen Menschlichkeit und Solidarität erfahren, auch von den Justizvollzugsbeamten, die uns gegenüber immer korrekt gewesen sind”, erinnerte Santagata. “Die Gefangenen haben uns unterstützt und unsere Position begriffen. Sie haben uns auch darum gebeten, der Welt zu sagen, was wir im Gefängnis gesehen haben. Leute, die ohne irgendeine reale Möglichkeit sozialer Eingliederung vor sich hin vegetierten.”


Und das ist es, was sie in den heimischen Knästen erlebt haben: “Die schlimmste Sache”, legte Caruso nach, “ist es, die Schikanen und Übergriffe am eigenen Leib zu erleben, die Tausende von Leuten jeden Tag erleiden. Leute, die oftmals wegen kleiner Sachen inhaftiert sind. So wie Oscar und Gaetano, meine Zellennachbarn, die für vier geraubte Mozzarella-Käse 8 Monate absitzen müssen, während die Verantwortlichen für das Massaker an 12 000 Menschen <durch einen Unfall in einer miserabel gewarteten Chemiefabrik des Unternehmens Union Carbide> in Bhopal in Indien ruhig in ihren Villen in Miami leben. Überfüllte Zellen, Matratzen, die zerbröckeln, “menschliche Mülldeponien”. Die Gefängnisse sind nicht die vom <zuständigen> Minister Castelli beschriebenen 4-Sterne-Hotels. “Um das zu begreifen, muß man mindestens eine Nacht dort verbringen und die Schreie hören, die stundenlang dauern, ohne daß irgendjemand hingeht, um zu kontrollieren, ob es einen armen Kerl gibt, der im Sterben liegt.” Italien ist - wie der Sprecher des kampanischen Netzwerkes kommentierte - “ein merkwürdiges Land mit sehr vielen, zu vielen negierten Rechten, in dem man versucht die Ideen einzukerkern, in dem sie einen Polizisten <den Carabiniere Palacanica, der höchstwahrscheinlich Carlo Giuliani erschoß> ohne Prozeß freisprechen wollen und 20 junge Leute ohne Prozeß inhaftieren.” Ein Land, in dem “man der Mutter und dem Vater von Giuliani nicht die Möglichkeit gibt, Wahrheit und Gerechtigkeit zu erlangen. Vielleicht wird es dafür weitere 30 Jahre brauchen (so wie es bei <der Aufklärung des 1969 mit staatlicher Unterstützung verübten neofaschistischen Terroranschlages in> der Piazza Fontana <in Mailand> war), um die Wahrheit über die Repressionsstrategien und über die wahren Verantwortlichen der Piazza Alimonda zu bekommen.” <wo Carlo in Genua erschossen wurde>


Der Kampf beginnt heute vor den Toren des FIAT-Werkes in Melfi neu. “Unsere Anwesenheit dort ist das beredteste Zeichen für einen sozialen Kampf, der weitergeht. Ein Kampf für die Rechte, der Solidarität und für eine bessere Welt. Sie können die Ideen nicht einkerkern...”



Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügungen in eckigen Klammern:

Antifa-AG der Uni Hannover und Gewerkschaftsforum Hannover