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Antifa-AG der Uni Hannover & Gewerkschaftsforum Hannover:


Reallohnverluste infolge einer Inflation, die höher ist als die mageren Lohn- und Gehaltserhöhungen, die die Gewerkschaften in den Tarifauseinandersetzungen durchsetzen, sind derzeit in Europa ein Problem, das den Beschäftigten unter den Nägeln brennt. Dazu muß man nicht erst auf das geflügelte Wort vom "Teuro" verweisen. In Italien wird die Situation insbesondere im Metallsektor dadurch erschwert, daß dort die kleineren und rechteren Gewerkschaften FIM-CISL und UILM zusammen mit der gelben FISMIC in den letzten zwei Jahren Tarifabkommen unterzeichnet haben, von denen die bei weitem größte Metallarbeitergewerkschaft FIOM (die zum Gewerkschaftsbund CGIL gehört) bewußt ausgeschlossen wurde und mit die schlechtesten Tarifverträge darstellen, die in diesem Zeitraum abgeschlossen wurden. Über den fortdauernden Kampf der FIOM-Metaller wird nebenstehend informiert. In dem hier folgenden Interview äußert sich mit dem Sekretär der FIOM Brescia, Osvaldo Squassina, ein bekannter Gewerkschaftslinker, zu neuen Aktualität der Lohnfrage. (Das gesamte CGIL-Ortskartell Brescia - ein wichtiges industrielles Zentrum Italiens - ist seit geraumer Zeit in der Hand der CGIL-Linken.)

Das Interview erschien in der Rifondazione Comunista gehörenden Tageszeitung "Liberazione" vom 9.10.2003.


Interview mit Osvaldo Squassina (Sekretär der FIOM Brescia):


"Man muß die Löhne aufwerten !"


"Es ist nicht die Schuld des Euro. Es gibt tiefer liegendere Gründe, die die Erhöhung der Inflation erklären." Osvaldo Squassina (Sekretär der FIOM Brescia) greift die Äußerung von Biggeri <siehe Anhang !> über den sogenannten Abrundungseffekt auf, warnt aber: "Die Regierung verbreitet derzeit beunruhigende Signale."


Wie kommentierst Du Biggeris "Entdeckung" ?


"Biggeri verwendet in seinen Aussagen eine nur für ihn neue Kategorie: die sich verschärfende Inflation. Dann jedoch stellt er eine Berechnung an, die zur Absenkung führt. Ich möchte daran erinnern, daß der Euro in allen europäischen Ländern eingeführt wurde. Und trotzdem hat Italien weiterhin die höchste Inflationsrate. Es gibt einen allgemeinen und erschreckenden Anstieg. Der reicht von den Gütern des unmittelbaren Bedarfs bis zu den Mieten, von den Kosten der Schulbücher bis zu den Gebühren. Gewiß, die Tatsache, daß Biggeri von einer Erhöhung der Preise um 6% spricht, ist sicherlich ein Schritt voran. Wie lange hätte er mit dem Witz von einer Inflation unter 3% auch durchgehalten ?"


Die Preisexplosion zeigt zumindest, daß es einen Hunger nach generalisierten Erträgen gibt...


"Ich glaube nicht an die These von der Verantwortung der Händler. Es gibt eine eindeutige Verantwortung der Unternehmen. Und auch der Händler, sicher. Und dann ist da eine Regierung, die ein eindeutiges Signal an die Mittelschichten sendet, d.h. an alle diejenigen, die keinen fest vorgegebenen Ertrag haben: <Es lautet:> 'Rafft alles zusammen, was Ihr kriegen könnt !'"


Und was heißt das dann für die Tarifverträge ?


"Es ist nicht hinnehmbar, daß man weiterhin ohnmächtig der Verringerung der Kaufkraft der Löhne und Gehälter zuschaut. Man muß an zwei Fronten intervenieren: an der gesetzgeberischen und an der gewerkschaftlichen. An der ersten, um den Stop der Gebührenerhöhungen und eine <staatliche> Intervention zum Stop aller Preiserhöhungen für Güter des unmittelbaren Bedarfes zu fordern. An der zweiten zugunsten einer Erhöhung der Löhne durch das Aufstellen einer klaren Forderung. Angesichts der Tatsache, daß das Engagement in puncto Einkommenspolitik sowohl von seiten der Regierung wie von seiten der Unternehmer vollständig niedergemacht worden ist, muß man anfangen über die Einführung eines Aufwertungsmechanismus als Instrument des Mindestschutzes der Einkommen der Werktätigen (lavoratori) und der Rentner nachzudenken. Ich weiß, daß irgendjemand auf der Ebene der Kräfteverhältnisse Einwände erheben könnte. Ich glaube allerdings es sollte eine Sache der Ehrlichkeit und der Glaubwürdigkeit der Gewerkschaft sein. Entweder gibt es einen behördlich festgesetzten Höchstpreis oder die Aufwertung <bzw. Anhebung der Löhne>. Der Steuerbonus, den jemand vorgeschlagen hat, ist abwegig."


Wie lautet Dein Vorschlag bezüglich des großen Themas "Tarifforderung" ?


"Die Lohnfrage kann nicht länger hinausgeschoben werden. Wenn die Werktätigen Mühe haben das Monatsende zu erreichen, ist es nicht denkbar, daß man andere Kämpfe führt. Wir haben z.B. in Sachen Reduzierung der Arbeitszeit gerade deshalb verloren, weil der Lohn dabei war zum wichtigsten Thema zu werden. Wir müssen den Wert des Lohnes erhöhen, indem wir die Höchstgrenzen der Verträglichkeit beseitigen. Heute sind es vor allem die Metallarbeiter, die diesen Kampf führen. Auf der Unternehmensebene müssen wir uns dann, angesichts der Tatsache, daß im Januar <2004> eine neue große Phase der Erneuerung von <ergänzenden betrieblichen> Tarifabkommen beginnen wird, fragen wie wir die Forderungskataloge entwickeln werden.

Es besteht die Gefahr, daß sich das Schema des von FIM und UILM abgeschlossenen separaten Tarifvertrages wiederholen wird. Was den Lohn anbelangt, denkt die CGIL weiterhin an eine Linie der variablen Prämien entsprechend dem Ergebnis <des jeweiligen Unternehmens>. Stattdessen -- sage ich -- wäre es nötig, daß die Beschäftigen anfangen einen Besen zu nehmen, um diesen ganzen Müll der variablen Prämien hinweg zu fegen. Die haben den Werktätigen nichts Positives gebracht, im Gegenteil ! In den letzten beiden Jahren sind eindeutige Forderungen nach festen Lohnerhöhungen erhoben worden."


Das Interview führte: Fabio Sebastiani

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Erläuterung:


Luigi Biggeriist Chef des staatlichen italienischen Zentralen Institutes für Statistik (ISTAT).


Vorbemerkung, Übersetzung, Erläuterung und Einfügungen in eckigen Klammern:

Antifa-AG der Uni Hannover und Gewerkschaftsforum Hannover