Antifa-AG der Uni Hannover:

Für die verschiedenen Schattierungen der lokalen Anhänger des Kolonialstaates Israel und der Regierung des Schlächters Sharon sind es bereits schlimme „antisemitische Verbrechen“, dass wir es wagen die palästinensische Flagge auf unserer Website zu zeigen und Interviews aus der „Süddeutschen Zeitung“ oder „il manifesto“ mit Führungsmitgliedern der Hamas zu dokumentieren. Kritische Aufklärung über deren tatsächliche Positionen und Protest gegen die Morde und Mordversuche von Sharons Todesschwadron an palästinensischen Politikern und Zivilisten sind den prozionistischen Fachschaftsräten Sozialwissenschaften, Geschichte und Religion ebenso zuwider wie der Anti-Expo-AG, die in der AStA-Zeitung „fragezeichen“ im Dezember 2003 diese und andere neue Vorwürfe gegen uns präsentierte, nachdem sich die alten als plumpe Fälschungen, Verdrehungen oder schlicht das Projizieren eigener Schwächen auf uns entpuppt und verbraucht hatten. Wir werden demnächst detailliert auf diesen neuen Versuch der Anti-Expo-AG eingehen, ideologische Munition für die altbekannten, „antideutschen“ Hetzkampagnen gegen antiimperialistische und antikapitalistische linke Positionen und Gruppen zu liefern.

Heute wollen wir nur der langen Liste unserer „Verbrechen“ noch ein weiteres hinzufügen, indem wir leicht gekürzt (es fehlen die Zwischenüberschriften und der Vorspann) ein Interview aus der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 15.3.2004 wiedergeben, das der Nahost-Journalist Carsten Wieland mit dem Generalsekretär der libanesischen Hizbullah, Hassan Nasrallah führte. Es behandelt die Themen Terrorismus, Irak, Palästina und die Hizbullah-Politik im Libanon. Wer einen zähnefletschenden und kleine Kinder fressenden „Moslem-Faschisten“ oder finsteren Vertreter des Mittelalters erwartet, wird freilich enttäuscht sein. Unseres Erachtens verdeutlichen seine Aussagen vielmehr die Entwicklung der Organisation hin zu einer systemimmanenten kleinbürgerlich-linkspopulistischen Bewegung. Als solche muss die Linke sie analysieren und kritisieren. Das ist bei einer manifesten Neigung zur Islamophobie und einem Hang zur – angeblich „antideutschen“ – Inquisition freilich nicht möglich.

Wer übrigens meint, Nasrallah sei dann eben nur der präsentable Vorzeigemann der finsteren Gesellen im Hintergrund, liegt falsch. Der arrivierten, bürgerlich-liberalen NZZ zufolge ist Nasrallah nämlich bereits der „Hardliner“, wie die „NZZ am Sonntag“ vom 1.2.2004 betonte: „Der Diskurs des Hizbullah ist facettenreicher, als es auf den ersten Blick scheint. Während Nasrallah noch immer den Hass auf das ‚besetzte Palästina’ schürt, sind aus dem Munde des geistigen Mentors des Hizbullah, Hussein Fadlallah, selten übersteigert islamistische Worte zu hören. Vielmehr betont Fadlallah die libanesische Einheit über die religiösen Grenzen hinweg und sucht bewusst den Dialog mit den Christen, welche die Hälfte der libanesischen Bevölkerung bilden. Als Hizbullahs eigentlicher Vordenker propagiert er seit Jahren, dass der Gottesstaat nicht etabliert werden könne, solange es nicht die gesamte Bevölkerung wolle. Die Attentate vom 11. September 2001 geisselte er als ‚nicht mit der islamischen Glaubens- und Lebensordnung vereinbar’. Es scheint, dass der Westen den Hizbullah extremistischer macht, als er ist. Das wiederum könnte ihn dem Westen gegenüber feindlicher stimmen, als er es je war.“

Terrorismus und Widerstand im Nahen Osten

Interview mit dem Hizbullah-Generalsekretär Hassan Nasrallah


(…)

Für den Westen ist der Hizbullah eine terroristische Vereinigung. Sie selbst nennen sich eine Widerstandsbewegung. Wie definieren Sie den Begriff Terrorismus ?


Terrorismus zu definieren, ist derzeit eines der schwierigsten Probleme weltweit. Doch ist klar, dass man Widerstand aus der Definition des Terrorismus herausnehmen muss. Es waren die israelischen Truppen, die auf libanesisches Territorium eingedrungen sind. Die Libanesen töteten israelische Soldaten, die ihr Land besetzt hatten. Deshalb ist dieser Krieg legitimer Widerstand und sicher kein Terrorismus. Dagegen ist Terrorismus, wenn jemand zum Beispiel im Libanon ein innenpolitisches Ziel verfolgt und deshalb Menschen tötet: Männer, Frauen, Kinder. Wenn also jemand ein mit Sprengstoff beladenes Auto mitten auf den Markt oder vor ein Kino stellt und es hochgehen lässt, dann ist das ein Fall von Terrorismus, selbst wenn das politische Ziel vollkommen legitim und gerecht sein mag. Diejenigen, die uns anklagen, eine terroristische Vereinigung zu sein, müssen dies beweisen. Wir waren nie Terroristen, wir werden nie Terroristen sein. Unsere ethische Pflicht geht über unsere kämpferische Pflicht hinaus. Wir glauben, dass wir unser Land verteidigen müssen. Unsere eigentliche Strategie im Süden (Libanons) und an der Grenze ist defensiv.“


Noch am gleichen Tag des Gefangenenaustausches mit Israel Ende Januar sagten Sie, der Hizbullah müsse weitere israelische Soldaten als Faustpfand gefangen nehmen. Wie verträgt sich das mit einer „defensiven“ Strategie ?


Wenn israelische Soldaten in libanesisches Territorium eindringen, ist dies natürlich illegal und sie sind Aggressoren. Erwarten Sie von uns, dass wir ihnen Kaffee anbieten ? Wenn ich davon spreche, sie gefangen zu nehmen, dann meine ich auf libanesischem Territorium. Es ist im Grunde die israelische Regierung, die ihre eigenen Truppen in Gefahr bringt. Außerdem sind noch immer eine große Zahl von Libanesen in israelischen Gefängnissen. Ich habe schon oft gesagt, dass Israel einen Fahler gemacht hat: Im Moment, als es sich im Mai 2000 aus Südlibanon zurückzog, hätten die Israeli alle libanesischen Gefangenen freilassen müssen.“


Mit dem Gefangenenaustausch hat der Hizbullah mehr als 400 Palästinenser und andere Araber aus israelischen Gefängnissen freibekommen. Das hat die palästinensische Autonomiebehörde nicht fertig bekommen. Was ist für Sie der nächste Schritt ?


Die Verhandlungen über den zweiten Teil des Gefangenenaustausches haben erst begonnen. Wir hoffen, dass wir in der zweiten Phase auch die Freilassung von Palästinenserführern erreichen können. Darauf legen wir großen Wert.“


Warum fühlt sich der Hizbullah für die Palästinenser verantwortlich ?


Es ist eine nationale Angelegenheit. Der Grund für alle Kriege in der Region war die israelische Invasion Palästinas. Syrer, Libanesen, Palästinenser befinden sich alle in dem gleichen Kampf, aber jeder in seiner eigenen Position und je nach seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Dieser Krieg wird uns aufgezwungen. Die Palästinenser haben niemals das Land anderer besetzt.“


Wie weit darf der militärische Widerstand gehen, wenn es auch politische Lösungsversuche gibt ?


Es liegt an den Palästinensern, selbst zu entscheiden, ob sie den Widerstand weiterführen oder beenden wollen. Sie bestimmen auch die Grenzen ihres Widerstandes, sei es in dem Land, das 1967 besetzt wurde, oder in den Territorien von 1948. Unsere Verantwortung ist lediglich, ihnen zu helfen. Wir können sie nicht ersetzen. Die politischen Vorschläge, die derzeit auf dem Tisch liegen, wären keine Lösung für das Problem der Palästinenser. Derzeit ist es unrealistisch, über zwei Staaten in Palästina zu reden. Da ist ein Staat, der Israel heißt, und ein paar Camps darum herum. Ein palästinensischer Staat ist eine Fata Morgana. Die Palästinenser haben alles gegeben und nichts mehr anzubieten. Selbst wenn sie an den Verhandlungstisch zurückgehen würden, würden sie sich gegenseitig töten. Dann sind bald keine Palästinenser mehr übrig, mit denen man verhandeln könnte.“


Im Namen des Widerstandes werden im Irak fast täglich viele Menschen getötet. Sollten die Iraker, besonders die Schiiten, nicht froh sein, dass die Amerikaner sie von Saddam Hussein befreit haben ?


Der Sturz Saddam Husseins ist etwas Positives. Aber es ist bedauerlich, dass er von seinen Komplizen durchgeführt wurde. Es gab mehrere Versuche eines Attentates auf Saddam, doch das Regime blieb mit amerikanischer Hilfe bestehen. Rumsfeld hat Saddam chemische Waffen gegeben und damit die Balance im Krieg gegen Iran zugunsten des Iraks verändert. Tarek Aziz hat gesagt, während des Aufstands nach dem Krieg gegen Kuwait habe Saddam fast ein Flugzeug bestiegen, um ins Ausland zu flüchten. Die Amerikaner unterstützten Saddam, so dass er den Aufstand niederschlagen und Hunderttausende von Menschen töten konnte. Der amerikanischen Regierung kann man nicht trauen, weder die Schiiten noch die Kurden oder die Sunniten. Die Amerikaner interessieren sich nur für ihre eigenen Interessen, nicht für die des irakischen Volkes. Überall auf der Welt hat ein Volk das Recht, gegen eine Besetzung zu kämpfen. Deshalb ist der Widerstand auch im Irak legitim. Doch das kollektive Töten von Zivilisten ist nach keiner Logik akzeptabel, weder menschlich noch religiös, noch national. Diejenigen, die die Besetzer bekämpfen, müssen auch die Besetzer töten, nicht die eigene Bevölkerung unter dem Vorwand, das Land von den Besetzern zu befreien.“


Seit etwa zehn Jahren befindet sich der Hizbullah in einem Prozess der Umorientierung hin zu einer nationalen, sozialen und politischen Bewegung und einer Partei, die im Parlament vertreten ist. Das ist unter ihren Anhängern durchaus umstritten. Wie sehen Sie die Rolle des Hizbullah in der Zukunft ?


Wir glauben an das Projekt des Staates in Libanon. Ein Staat mit Institutionen, der dem Recht unterworfen ist. Wir lehnen jede Art von Diktatur ab, auch wenn die Diktatur aus zwei oder drei Leuten besteht. Alle Libanesen müssen an der Regierung ihres Landes teilhaben. Eine Formel, dass eine Religionsgruppe alle anderen regiert oder dass sich zwei Gruppen verbünden und die anderen regieren, kann keine Gerechtigkeit schaffen und hat immer den Weg in den Bürgerkrieg bereitet. Wenn wir einen neuen Bürgerkrieg verhindern wollen, muss jeder am Geschick des Landes teilhaben können. Das muss natürlich durch ein gerechtes Wahlgesetz geschehen.“


Die wichtigsten Positionen im Land werden nach einem Proporz vergeben. Präsident ist ein maronitischer Christ und Premierminister ein Sunnit. Die schiitische Bevölkerung nimmt aber ständig zu. Liegt darin ein Sprengstoff, den der Hizbullah nutzen wird ?


Innere Stabilität und innerer Frieden sind Pfeiler, die nicht umgestoßen werden dürfen. Was auch immer die politischen Meinungsunterschiede sein mögen, niemand sollte seine Waffe erheben, um sie zu lösen. Wenn wir zwischen Chaos und Staat zu wählen haben, sind wir auf Seiten des Staates, selbst wenn der Staat ungerecht zu uns ist. Wir lehnen alle Formen des Bürgerkrieges ab, egal, was die Motive und Gründe sind. Der einzige Grund, der es rechtfertigt, Waffen zu gebrauchen, ist eine äußere Aggression gegen unser Land.“


Will der Hizbullah einen islamischen Staat in Libanon ?


Ich bin der Sohn einer islamischen Partei. Ich glaube an den Islam. Ich glaube an den islamischen Staat. Aber wenn wir auf die Besonderheit Libanons schauen, sehen wir, dass die einzige verfügbare Option die Partizipation aller in dem Staat ist. Jeder behält seine eigenen Ideen, seine eigene Ideologie und seinen Glauben. Der Staat ist ein gemeinsames nationales Projekt. Die Interessen der Libanesen, deren unverrückbare Prinzipien, sollen durch den Staat geschützt werden. Der islamische Staat ist kein Ziel, sondern ein Mittel, um Gerechtigkeit zu erreichen. Wenn ein anderes realistisches Mittel zur Verfügung steht und dieser Weg ist der einzig gangbare, wird dies vom Islam unterstützt. Das widerspricht ihm nicht.“