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Antifa-AG der Uni Hannover & Gewerkschaftsforum Hannover:

 

Die im Jahre 2000 in Argentinien begonnenen Besetzungen bankrotter und oftmals von den Kapitalisten aufgegebener Fabriken stellen seit dem Aufstand im Dezember 2001 für viele Aktive in der Gewerkschafts- und Antiglobalisierungsbewegung den Schritt in eine neue Wirtschaftsweise dar. (Wir werden demnächst an dieser Stelle die Übersetzung eines aktuellen Interviews mit Naomi Klein veröffentlichen, in dem sie genau das vertritt.) Laut der Informationsstelle Lateinamerika (ila) betrieben im Jahre 2003 etwa 15 000 Arbeiter/innen 180 instandbesetzte Betriebe. „Seitdem sind jedoch kaum noch neue Betriebe hinzugekommen. Der allgemeine Niedergang der Bewegungen nach der Amtsübernahme von Kirchner hat auch vor den besetzten Fabriken nicht Halt gemacht.“ (ila 276 – Juni 2004)

Da es noch immer wenig deutschsprachiges Material dazu und noch weniger Originalstimmen von Beteiligten gibt, freuen wir uns, hier die Übersetzung eines Interviews mit Luis Caro (Vorsitzender der MNFRT) für die linke italienische Tageszeitung „il manifesto“ vorlegen zu können, das u.a. seine Position zu den beiden Strömungen in der Fabrikbesetzungsbewegung enthält und am 1.2.2005 erschien. Wobei wir offen gestanden die von ihm heftig kritisierte Strategie der Zanon-Arbeiter(innen) bevorzugen, die die Verstaatlichung der Kachelfabrik Zanon in Neuquén (380 Beschäftigte) unter Arbeiterkontrolle und genau definierten Bedingungen fordern. Das erscheint uns in der gegenwärtigen Situation einer allgemein zurückgehenden sozialen Mobilisierung mittelfristig als eine gute Möglichkeit den politischen Konflikt rund um Zanon aufrechtzuerhalten, da in diesem Fall der argentinische Staat bzw. die Regierung verantwortlich gemacht werden können. Bei der von Luis Caro und der MNFRT verfolgten Strategie einer Bildung von Kooperativen droht unseres Erachtens sehr rasch die Unterwerfung unter die Marktgesetze und faktisch die Privatisierung des Problems (wenn auch im Rahmen der Gesellschafterversammlung der jeweiligen Kooperative). Die baldige Herausbildung eines neuen Geschäftsleitung und die Absorbierung aller Energien, um den jeweiligen Betrieb am Leben zu erhalten, werden politisch neutralisierend, wenn nicht sogar kontraproduktiv wirken. Schon jetzt lässt aufhorchen, dass Caro offenkundig einen evolutionären, linksalternativen Ansatz verfolgt (wie er in Westeuropa in den 70er und 80er Jahren auf der ganzen Linie gescheitert ist) und den Kapitalismus eben nicht für „das wahre Übel“ hält.

Anders würde sich die Situation in einer dynamischen, vorrevolutionären Situation darstellen, in der alle Fabrikbesetzungen (unabhängig von der jeweiligen Ideologie) das Symbol einer anderen, nicht profit-, sondern bedarfsorientierten Produktionsweise wären und zur Entwicklung von Doppelmacht beitragen könnten. Vorausgesetzt, dass die linksalternativen Kräfte einer revolutionären Veränderung der Eigentumsfrage auf gesellschaftlicher Ebene nicht entgegenarbeiten.

Daneben ist in Zeiten relativer Stabilität des Kapitalismus, bei einer gleichzeitig vorhandenen organisierten proletarischen Gegengesellschaft, wie in Deutschland in den letzten Jahrzehnten des Kaiserreichs und in der Weimarer Republik, auch ein in Grenzen funktionierendes System von Produktions- und Konsumgenossenschaften denkbar. Doch ist zum einen Argentinien (um von Westeuropa gar nicht zu reden) von solchen Bedingungen trotz allem weit entfernt und zum anderen wirken natürlich auch dabei die kapitalistischen Anpassungsmechanismen weiter. Die Tatsache, dass sich beispielsweise die einst hoch gelobten „roten“ italienischen Kooperativen heute durch die prekärsten Arbeitsverhältnisse auszeichnen und deren Verbreitung in der restlichen Gesellschaft mit vorantreiben, zeigt, wohin der Weg ohne die Dialektik einer starken klassenkämpferischen Bewegung unvermeidlich führt.

 

Die Solidarität kommt vor den Profiten

 

Interview mit Luis Caro, Vorsitzender der Bewegung der zurückgewonnenen / sanierten Fabriken

 

In Buenos Aires traf ich Luis Caro, den Vorsitzenden des Movimiento Nacional de fábricas recuperadas por los tradajadores (MNFRT), Anwalt und Vertreter von 80 im ganzen Land verstreuten Fabriken. Caro wurde in einem Vorort der südlichen Peripherie von Buenos Aires geboren und dank seiner Zähigkeit gelang es ihm, seinen Universitätsabschluss zu machen. Heute führt er mit derselben Zähigkeit den Vorsitz der Organisation, die die zurückgewonnenen / sanierten Fabriken leitet.

 

Kannst Du uns erklären, was diese Bewegung ist ?

 

„Es handelt sich um eine Nicht-Regierungs-Organisation (NGO), die alle die Fabriken vereint, die sich in diesem Prozess der Rückgewinnung / Sanierung befinden. Wir sind weder eine politische Bewegung noch sind wir gewerkschaftlich ausgerichtet, aber wir fühlen uns als Teil der argentinischen Arbeiterbewegung. Wir unterhalten beste Beziehungen zu verschiedenen politischen Kräften der Linken, zur Central de Trabajadores Argentinos (Zentrale der Argentinischen Arbeiter – CTA <= linke Gewerkschaftszentrale>), zu den piqueteros <organisierten Arbeitslosen, die mittels Straßenblockaden etc. Forderungen durchsetzen> und der gesamten breiten sozialen Bewegung, die aus der argentinischen Krise entstanden ist.“

 

Besetzte oder zurückgewonnene Fabriken ?

 

„Wir ziehen es vor, von zurückgewonnenen und nicht von besetzten Fabriken zu sprechen, weil es das ist, was wir uns vornehmen. Den Besitz eines Anderen zu besetzen, kann als eine Straftat verstanden werden (auch wenn es das nicht ist, weil die Arbeiter in ihrer Fabrik bleiben). Einen geschlossenen Betrieb wieder in Gang zu bringen, ist dagegen etwas Gutes, von dem die ganze Gesellschaft profitieren kann. Das ist keine terminologische Frage. Das ist unser Standpunkt.“

 

Wie kommt man aus diesem Bankrott heraus ?

 

„Die ökonomische Logik sieht diese Formen von Rückgewinnung / Sanierung produktiver Aktivitäten nicht vor. Dieser Prozess beruht auf der organisatorischen Fähigkeit der Arbeiter zur Selbstverwaltung und auf der Solidarität. Die ökonomische Rationalität zielt nur darauf ab, den Gewinn zu maximieren. In diesem Fall trifft das Gegenteil zu. Es besteht eine wechselseitige Beziehung zwischen der Solidarität der Arbeiter und der Gesellschaft.“

 

Warum fordert Eure Bewegung nicht die Verstaatlichung, wie die Arbeiter der Firma Zanon ?

 

„Sie sagen, dass ‚das Privateigentum abgeschafft werden muss’, sonst würden sich diese zurückgewonnenen / sanierten Fabriken in neue kapitalistische Betriebe verwandeln und das System würde sie am Ende zerstören. Außerdem behaupten sie, dass der Kapitalismus das wahre Übel sei und es keinen Sinn habe, ihn mit einer anderen Industrie zu nähren. Sie bestehen auf der Forderung nach Verstaatlichung mit einem stabilen Lohn von 800 Pesos (200 Euro) und dessen Anpassung an die Lebenshaltungskosten. Darüberhinaus, dass der Staat ihnen den Aufkauf der Produkte zusichert, das Rohmaterial, die Dienstleistungen und die Steuern bezahlt. Sie nennen das Control Obrero (Arbeiterkontrolle), aber es ist sehr wenig, was sie kontrollieren, weil sich alles in Händen des Staates befinden würde.“

 

Welche Perspektiven haben Eure Kooperativen in Zukunft und wie sieht es mit der Möglichkeit zu überleben aus ?

 

„Diese Experimente / Erfahrungen sind mitten in der tiefsten ökonomischen Krise entstanden, die Argentinien jemals erlebt hat. Die Zukunft ist schwierig. Sie beruht ausschließlich auf der Arbeit der Arbeiter. Sie müssen demokratische Entscheidungsformen hervorbringen. In diesen Fabriken gibt es keinen Patron mehr, gibt es keinen Chef mehr, der kommandiert und der berühmte Mehrwert steht Allen zur Verfügung und verbessert die Konkurrenzfähigkeit der Produkte. Kaum, dass die Fabriken anfangen zu produzieren, erlebt man das enorme Potenzial, das sie entwickeln können.“

 

(Claudio Tognonato)

 

Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügungen in eckigen Klammern:

Antifa-AG der Uni Hannover und Gewerkschaftsforum Hannover