Antifa-AG der Uni Hannover & Gewerkschaftsforum Hannover:
Die sich hart am Rande eines Bürgerkrieges
bewegenden Auseinandersetzungen zwischen Fatah und Hamas im Gaza-Streifen und
dem Westjordanland werden von nicht wenigen Zeitgenossen hierzulande und in
Israel selbstgefällig und borniert als Beleg dafür gewertet, dass die Palästinenser
einen eigenen Staat gar nicht verwalten könnten, „weil die sich ja doch nur untereinander bekriegen“. Die renommierte
Palästina-Korrespondentin der linksliberalen israelischen Tageszeitung „Haaretz“ (www.haaretz.com), Amira
Hass (50), die seit 1991 direkt aus den besetzten Gebieten berichtet und
mehrere Bücher über das Leben dort verfasste (u.a. „Gaza“),
hat da eine etwas andere Auffassung. In einem Beitrag für „Haaretz“
vom 4.10.2006 beleuchtet sie
die Hintergründe der aktuellen Unruhen. Wir übernahmen die deutsche Übersetzung
vom linken Internetportal „ZNet Deutschland“ (www.zmag.de).
Zu Amira Hass, die für
ihre Arbeit mehrere internationale Preise erhielt, ließe sich eine Menge sagen (siehe
z.B..: http://www.arendt-art.de/deutsch/palestina/Stimmen_Israel_juedische/Haas_Amira.htm).
Wir beschränken uns hier auf einen kurzen Auszug aus der „Süddeutschen Zeitung“ aus dem Jahr 2000:
„Dass
Hass ihre Arbeit den Palästinensern widmet, hat einen simplen Grund: Als Kind
von Holocaust-Überlebenden, die unter der Gettoisierung von osteuropäischen Stettln litten, fühle sie sich ‚geradezu verpflichtet’,
über die ‚ähnliche Situation’ der Palästinenser zu berichten. Links zu sein ist
ihr ‚so selbstverständlich wie leben’, studiert hat sie die Geschichte des
Nationalsozialismus. (…) Sie ist ruppig und nicht zuckersüß und nervt Israel
aus Berufung – berichtet von Hauszerstörungen und Grenzschikanen, vom
Magenknurren eines hungrigen Volkes, dem bei einer Abriegelung der besetzten
Gebiete die Milch ausgeht und Mehl. Die Wirklichkeit, die Amira
Hass mit eigenen Augen sieht und hört und riecht, ist für Israel unangenehm. (…)Und
dass man sie da ja nicht missversteht: ‚Ich liebe Israel, und Israel hat ein
Recht zu existieren. Es kommt nur auf das Wie an.’ Ihr Traum wäre:
Palästinenser und Israelis lebten zusammen in einem Land, gleichberechtigt und
respektvoll im Umgang miteinander. Aber erst kommende Generationen, glaubt sie,
könnten das meistern.“ (http://hagalil.com/archiv/2000/05/west-bank.htm)
Bezüglich Amira Hass’
Position zum Zionismus besonders empfehlenswert: http://antifa.unihannover.tripod.com/Avi_Shlaim_Zionismus-Kritik.htm
Das Experiment war ein
Erfolg: Nun töten die Palästinenser sich gegenseitig. Sie verhalten sich, wie
man am Ende eines langwierigen Experimentes erwartet hat. Das Experiment
lautete: „Was geschieht, wenn man 1,3 Millionen Menschen wie Hühner in einer
Legebatterie auf engstem Raum einsperrt?“
Dies sind die einzelnen Schritte des Experimentes: 1. Einsperrung ( seit 1991);
2. man nehme den Gefangenen die üblichen Mittel für den Lebensunterhalt; 3.
fast hermetische Absperrung aller Zu- und Ausgänge von bzw. zur Außenwelt; 4.
Zerstörung der noch bleibenden Mittel für den Lebensunterhalt, indem
Rohmaterialien, Waren und Produkten der Zugang verwehrt wird; 5. die Lieferung
von Medizin und Krankenhausnachschub wird verweigert; 6. wochenlang werden
keine frischen Nahrungsmittel geliefert; 7.jahrelange wird der Zugang für
Verwandte, Fachkräfte, Freunde und andere verweigert, lässt aber 8. zu, dass
Tausende von Menschen - Kranke, Familienhäupter, Fachkräfte, Kinder -
wochenlang vor abgesperrten Toren des Gazastreifens stehen, dem einzigen Zu-und Ausgang des Gazastreifens und lässt sie warten,
hinein oder heraus gelassen zu werden.
9.Diebstahl von Hundertmillionen Dollars (Zölle und Steuern, die von Israel
eingenommen, aber den Palästinensern gehören), damit das sowieso schon niedrige
Gehalt der meisten Regierungsangestellten monatelang nicht gezahlt werden kann;
10. man stelle das Abschießen von selbst gemachten Qassemraketen
als strategische Bedrohung dar, die nur dadurch gestoppt werden kann, indem man
Frauen, Kinder und Alte angreift oder 11. in dicht bevölkerte Wohngebiete aus
der Luft und vom Boden aus schießt; 12. Zerstörung der Obstgärten, Osthaine und
Felder.
13. Man schickt Flugzeuge, die die Bevölkerung mit lauten Knallbomben in Angst
und Schrecken versetzt; 14. man zerstört das neue Elektrizitätswerk und zwingt
die Bevölkerung des abgesperrten Landstreifens, monatelang den größten Teil des
Tages ohne Strom auszukommen. Dies wird wahrscheinlich ein ganzes Jahr dauern –
in andern Worten: ein Jahr ohne Kühlschrank, ein Jahr ohne Ventilator,
Fernsehen, Licht zum Lernen und Lesen; 15. man zwingt sie, ohne regelmäßige
Wasserversorgung auszukommen, die von den mit Strom betriebenen Wasserpumpen
abhängt.
Es ist das altbekannte israelische Experiment: „steckt sie in den
Dampfdrucktopf und seht, was passiert,“ und das ist
einer der Gründe, warum dies keine interne palästinensische Angelegenheit ist.
Der Erfolg des Experimentes kann am Miasma der Verzweiflung gesehen werden, das
über dem Gazastreifen hängt und an den Familienfehden, die jetzt fast täglich
ausbrechen, noch mehr als an den Schlachten zwischen der Fatah- und Hamasmiliz.
Man kann sich eigentlich nur wundern, dass diese Fehden nicht noch häufiger
sind und dass es noch Bande interner Solidarität gibt, die die Menschen vor dem
Verhungern bewahren.
Im Gegensatz zu den Clan-Fehden waren die Schlachten in Gaza und die Kampagnen
von Zerstörung und Einschüchterung, vor allem in den Westbankstädten nicht die
Folge von momentanem Kontrollverlust. Sie werden allgemein als Schlachten
zwischen zwei militanten Gruppen gesehen, von denen jede etwa die Hälfte der
Bevölkerung vertritt, die aber von Gruppen innerhalb der Fatah initiiert
werden, um noch ein paar Nägel in den Sarg der gewählten Führung zu schlagen.
Die Sicherheitskräfte der palästinensischen Behörde – in andern Worten der Fatah , oder in noch mal andern Worten, derjenigen, die Mahmoud Abbas beauftragt – verstecken sich hinter dem
wirklichen Leiden und dem Protest der Angestellten, die seit langem kein Gehalt
erhalten haben. Und sie tun dies, obwohl jeder weiß, dass die Unterlassung,
Gehälter zu zahlen, kein Versagen des Managements ist, sondern vor allem der
israelischen Politik zuzuschreiben ist. Diese Kräfte wurden ausgeschickt, um
organisierte Anarchie zu säen, wie in der Schule von Yasser Arafat gelehrt
wurde.
Und warum ist dies auch eine israelische Angelegenheit? Weil die, die diese
Miliz ausschicken, gemeinsame Interessen mit Israel haben, um zu einer
Situation zurückzukehren, in der die palästinensische Führung vorgeben kann,
Friedensgespräche zu führen, während Israel mit seiner Besatzung fort fährt,
und die internationale Gemeinschaft Beruhigungsgeld in Form von Gehältern für
die palästinensischen Angestellten zahlt.
Und es gibt noch einen Grund, warum dies auch eine interne israelische
Angelegenheit ist: Egal wie das Ergebnis sein wird, die palästinensischen
Fehden oder das Risiko eines Bürgerkrieges berühren direkt auch die über 20 %
der israelischen Bürger, die Araber. Sie betreffen die Araber und auch die
Teile der israelischen Öffentlichkeit, die nicht vergessen haben, dass Israel
die Besatzungs- und herrschende Macht über die Palästinenser bleibt, so lange
das Ziel, die Errichtung eines palästinensischen Staates in allen 1967
besetzten Gebieten, nicht realisiert wird.
(Übersetzung: Ellen Rohlfs)
Vorbemerkung: Antifa-AG der Uni Hannover
und Gewerkschaftsforum Hannover