Make your own free website on Tripod.com

Antifa-AG der Uni Hannover & Gewerkschaftsforum Hannover:


Aus Anlass der (begrenzten) militanten Auseinandersetzungen während der Demonstration der italienischen Antiglobalisierungsbewegung gegen den EU-Gipfel am 4.Oktober 2003 in Rom und der Festnahme 7 mutmaßlicher Mitglieder der neuen Roten Brigaden (BR) entbrannte in Italien unversehens eine heftige Gewaltdebatte. Eine Debatte, deren tiefere Ursache nicht in diesen beiden Ereignissen liegt, sondern im Versuch der herrschenden Klasse die Linke und die Arbeiterbewegung einzuschüchtern und zu denunzieren, in den intensiven Bemühungen Rifondazione Comunistas um Regierungsfähigkeit und in der tiefen Krise der Antiglobalisierungsbewegung, deren Mehrheit sich nicht ohne Grund neuerdings lieber „Alterglobalisierungsbewegung“ (alternative Globalisierungsbewegung) nennt. Der dreiste Vorwurf „Anstifter“ oder zumindest „Sympathisanten des Terrorismus“ zu sein, wurde in den letzten Monaten auch während der Metallerstreiks der FIOM, während der versuchten Verteidigung des Kündigungsschutzes durch die CGIL, die Basisgewerkschaften und die Linke und sogar während der Protestaktionen aller großen Gewerkschaften gegen Berlusconis Rentenreform sowohl von der Führung des Unternehmerverbandes Confindustria wie von führenden Vertretern der Mitte-Rechten und des mit ihnen verbundenen Medienimperiums erhoben. Und natürlich stehen ihnen konvertierte ex-Mitglieder bewaffneter Gruppen wie z.B. ein Sergio Segio, dabei gern als „Kronzeuge“ zur Verfügung.


Besonders betroffen davon ist der linke Flügel der Antiglobalisierer und die dazugehörigen unabhängigen linken Basisgewerkschaften der CUB und der verschiedenen COBAS. Welchem Druck sie ausgesetzt sind, wie sie darauf antworten und den Selbstschutz gegen Polizeiübergriffe ebenso wie eine politische Sicht der Dinge zu verteidigen versuchen, zeigt das folgende Interview mit dem Sprecher der Confederazione Cobas, Piero Bernocchi, in der großen, linksliberalen Tageszeitung „la Repubblica“ vom 1.11.2003:


Das Interview:


Piero Bernocchi (Führer der COBAS) interveniert in die durch das ehemalige Prima Linea-Mitglied Sergio Segio ausgelösten Debatte:


Mörder ? Nein, sie machen Politik und sind ebenso unsere Feinde wie Fassino.“


Carlo Bonini


ROM – Piero Bernocchi, Römer, ist ein 56jähriger Mathematiklehrer, der einem anderen Handwerk nachgeht. Er ist Führer und Sprecher der Cobas, der Basisgewerkschaften. 1968 war er am Protest im Fachbereich Ingenieurswissenschaften beteiligt. 1977 war er mit der Komponente „Nuova Sinistra“ (neue Linke) auf den Straßen. Außerdem ist er Direktor von „Radio città futura“ (Radio „Stadt der Zukunft“). Er schickt voraus (und legt großen Wert auf die Feststellung): „Ich spreche im Namen der Cobas. Und das reicht…“


Also reden wir…


Kann ich sofort etwas zu Segio sagen ?“


Was ?


Er ist ein Mann, der gemordet hat. Der Verantwortung nicht nur für die Leben trägt, die er ausgelöscht hat, sondern auch für die Tausenden von Militanten, die er zum Rückzug vor seinem Blei und denjenigen gezwungen hat, die waren wie er. Das sollte er nicht vergessen. Vor allem jetzt nicht, wo er beschlossen hat, das Falsche zu behaupten.“


Er hat sich auf Fakten bezogen.


Schauen Sie, wir haben eine Gegenuntersuchung über die Episode von Mailand durchgeführt. Bezüglich des angeblich von Mitgliedern des Demonstrationszuges auf die Mauern des Erzbischofsitzes gesprühten Rote Brigaden (BR)-Schriftzuges.“


Angeblich. Das haben sie fotografiert.


Diejenigen, die von unseren Leuten dort waren, erinnern sich an nichts von dem, was Segio behauptet gesehen zu haben. Und ich vertraue meinen Leuten. Vor allem frage ich mich: Warum hat Segio jene Hand nicht gestoppt ? Er hat es nicht getan, weil es viel bequemer war, eine Aggressionskampagne gegen die Bewegung zu entfachen – wohlwissend (und Segio weiß das !), dass wir uns nicht erst seit heute darüber bewusst sind, dass der brigatismo <= die Aktionen der Roten Brigaden> eine politische Praxis ist, die den Bewegungen gegenüber feindlich eingestellt ist. Die die Bewegungen tötet.“


Der brigatismo ist eine „politische Praxis“ ?


Wieso, was ist er denn sonst ? Diese Leute vertreten eine These, die es in der Geschichte der Arbeiterbewegung gibt und gegen die sich bereits Lenin wehrte. Er ist eine politische Praxis (eine irrsinnige, wenn man will) im Namen derer diese Leute losgehen, um zu sterben.“


Und um zu morden.


Schauen Sie, das ist eine politische Praxis, die ungefähr 30 Personen betrifft.“


Warum sagen Sie Personen und nicht Mörder ?


In welchem Sinne ?“


Da Sie keine Schwierigkeiten haben, Segio als einen Mörder zu bezeichnen, glaube ich nicht, dass Sie Schwierigkeiten haben <die neuen Rotbrigadisten> Galesi und Lioce als Mörder zu bezeichnen. Hört man Sie das sagen ? „Galesi und Lioce sind Mörder.“


Der Ausdruck ‚Mörder’ ist niemals benutzt worden und ich benutze ihn aus dem einfachen Grund nicht, dass wir auf eine politische Praxis eine politische Antwort geben.“


Was bedeutet, den Brigadisten politische Würden zuzuerkennen.


Alle erkennen in dem, was sie tun, einen politischen Zug, eine politische Identität an. Da stehen wir nicht allein. Wenn dem nicht so wäre, wären wir jetzt nicht hier, um darüber zu reden.“


Finden Sie nicht, dass man auf diese Weise eine Zwiespältigkeit nährt, die genau diejenige ist, die Segio beklagt ?


Ich sehe diese Zwiespältigkeit nicht.“


Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Führerin der <SLAI> Cobas des Alfa Romeo-Werkes von Pomigliano d’Arco <bei Neapel>, die ehemalige Abgeordnete Malavenda, sagte nach dem Tod von Marco Biagi <2002>: „Wir weinen nicht um einen Klassenfeind und werden niemals um einen weinen.“ Das hat sie vor drei Tagen in der <rechtssozialdemokratischen> Tageszeitung „Il Riformista“ wiederholt.


Auf das, was die Malavenda sagt, muß die Malavenda antworten.“


Sind Sie damit einverstanden oder nicht ?


Ich persönlich weine seit 27 Jahren, seit dem Tod meines Vaters nicht mehr. Und diese schmerzhafte persönliche Anmerkung einmal beiseite gelassen, haben wir viele Feinde. Vergessen wir mal, ob Klassenfeinde oder nicht, da wir Cobas für die Überwindung des Kapitalismus und der Klassengesellschaft kämpfen. Aber Feinde ja, Feinde haben wir. Das sind diejenigen, die unsere Vernichtung wollen. Die gibt es rechts wie links. Weil wir sehr gut wissen, dass Leute wie <Linksdemokraten (DS)-Parteipräsident> D’Alema, Prodi und <DS-Generalsekretär> Fassino den Tod der Bewegung wollen.“


Warum sprechen Sie von „Feinden“ und nicht von Gegnern ? Finden Sie nicht, dass ihre Worte einen gewalttätigen Inhalt haben, der exakt das von Segio aufgeworfene politische Problem ist ?


Die verbale Gewalt ist die Summe unseres täglichen Lebens. Die praktizieren <der Chefredakteur der kleinen rechtsintellektuellen Tageszeitung „Il Foglio“ und ehemalige Forza Italia-Minister> Giuliano Ferrara und Silvio Berlusconi. Warum sollten wir darauf verzichten ? Der Begriff Feind kann auf legitime Weise verwendet werden. Wie ich gesagt habe, auch gegenüber denjenigen, die uns näher stehen. Wie jene Reformlinke, die die Bewegung nicht als das betrachtet, was sie ist, nämlich als die zweite Weltmacht, sondern als die sechzigste und die ihre Vernichtung will. Und dann: Schluß mit dieser Geschichte von der Gewalt ! Aber, was bedeutet diese Heuchelei eigentlich ?“


Sagen Sie es uns ! Einige Kleinlastwagen mit Knüppeln und Schlagstöcken vollzupacken, um zu den Demonstrationen zu fahren…


Aber war für Knüppel denn ?! Fahnenstangen !“


Die „Stalin“ heißen.


Der vollständige (integrale) Pazifismus ist eine Übertreibung / Verdrehung (una forzatura). Und die Bewegung muß sich gegen die Rowdys in Uniform verteidigen, die <im März 2001> in Neapel und <im Juli 2001> in Genua geprügelt und gefoltert haben.“


Polizisten und Carabinieri, gegen die ein Prozeß läuft.


Nein, Rowdys in Uniform. Das sage ich und das bekräftige ich !“


Sind auch intelligente und aufmerksame Kollegen, wie diejenigen der <linken> Tageszeitung „il manifesto“ Rowdys ? Gabriele Polo und der Chefredakteur Riccardo Barenghi haben vergangenen Sonntag bzw. gestern mit Nachdruck eine Argumentationslinie entworfen, die dazu auffordert, die Grenzgewässer der Bewegung zu überwachen.


Da tritt mir das Blut in die Augen… Es macht mich sauwütend, dass diese Leute von ‚il manifesto’ heute aufwachen. Als ob sie nicht wüssten, dass Leute wie ich seit 1977 darum kämpfen, dass die Sirenen des bewaffneten Kampfes nicht von der Bewegung Besitz ergreifen. Wo waren diejenigen, die <heute> dazu aufrufen wachsam zu sein, nach 77 ? Jedenfalls nicht in der Bewegung, um das Drama, die von der destruktiven Praxis der Roten Brigaden hinterlassenen Trümmer wieder zusammenfügen zu müssen, am eigenen Leib zu erleben.“


Es wird doch etwas bedeuten, dass die Biographien einiger der Verhafteten sich mit der politischen Arbeit der Basisgewerkschaften kreuzen. Oder nicht ?


Aber das ist doch überhaupt nicht wahr. Diese ehemaligen Mitglieder sind Mister Niemand. Keiner kannte sie. Sie haben weder in der CGIL noch in den Basisgewerkschaften Aktivitäten entwickelt. Das Problem ist ein anderes. Sie wollen uns vernichten. Uns dazu zwingen, uns zu rechtfertigen. Wissen Sie, was ich Ihnen deshalb sage ? Wir haben uns für nichts zu rechtfertigen. Aber wirklich für gar nichts !“


Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügungen in eckigen Klammern:

Antifa-AG der Uni Hannover und Gewerkschaftsforum Hannover