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Antifa-AG der Uni Hannover:


Am 20.März fand, im Rahmen des weltweiten Aktionstages gegen den Irak-Krieg und für die sofortige Beendigung der Besatzung, auch in Rom eine landesweite Demonstration statt. Laut den Organisatoren (einem breiten Bündnis der Anti-Kriegs-Bewegung) beteiligten sich daran 2 Millionen Menschen. Die, schon recht freundlichen, Schätzungen der römischen Polizei kamen auf 250.000. Angesichts der in Italien üblichen Übertreibung in solchen Fällen (an denen sich traditionsgemäß auch die Ordnungshüter ein wenig beteiligen, um keine „Spielverderber“ zu sein) dürften es real etwa 100.000 bis 150.000 Demonstranten gewesen sein. Einen Eklat bildete bei dieser – in jedem Fall sehr beachtlichen – Manifestation die Anwesenheit eines Blocks mit führenden Mitgliedern der aus der 1990 aufgelösten italienischen KP hervorgegangenen Linksdemokraten (DS) mit ihrem Generalsekretär Fassino an der Spitze. Diese hatten nicht nur als wichtigste Regierungspartei 1999 den „humanitären Krieg“ gegen Jugoslawien mit initiiert (wovon sie sich bis heute nicht distanzieren), sondern unterstützen auch die fortdauernde Präsenz italienischer Besatzungstruppen im Irak, wie kurz zuvor bei einer entsprechenden Parlamentsabstimmung deutlich wurde, bei der man eine Ablehnung dieses Einsatzes entschieden verweigerte. Und wenige Tage vor der großen Friedensdemonstration organisierten sie ebenfalls in Rom im Rahmen einer großen Koalition mit den Berlusconi-Parteien eine Demonstration „aller Demokraten“ gegen „den Terrorismus“, die allerdings mangels Interesse der Basis zu einer schweren Pleite wurde.


Während der Großdemonstration gegen den Irak-Krieg und die Besatzung am 20.3.2004 kam es zu heftigen Protesten gegen Fassino & Co. und die Absicht der DS-Führer, ihre Präsenz mit Hilfe eines Knüppeleinsatzes ihres Ordnungsdienstes zu erzwingen. Dieser Versuch scheiterte und Fassino wurde samt seinen Prätorianern aus der Demonstration gedrängt. (Probleme mit dem separat laufenden linken DS-Flügel, der Krieg und Besatzung ablehnt, gab es nicht.) Dafür verantwortlich gemacht wurden die autonomen Disobbedienti (Ungehorsamen), die ihre Sicht der Dinge einen Tag später in dem nachfolgend übersetzten Offenen Brief an die Linksdemokraten-Führung erläuterten. Wir entnahmen ihn der Website des linksradikalen „Global Radio“ (www.globalradio.it/).


An das nationale Sekretariat der Linksdemokraten (DS)


Presseerklärung der Disobbedienti


Sonntag, den 21.März 2004


An das Nationale Sekretariat der Democratici di Sinistra (DS)


Zur Kenntnis:



Betrifft: Die Vogel-Strauß-Politik zahlt sich nicht immer aus


Wir schreiben Euch, um Euch zu sagen, dass wir Euch ein bisschen verstehen: Ihr habt in diesen Tagen so viele Probleme und das macht für Euch vielleicht selbst die einfachste Interpretation der Fakten schwierig. Wir begreifen die Notwendigkeit, Euch die gestrigen Ereignisse für Euren Hausgebrauch zu erläutern. Es ist allerdings ziemlich frech, dass Ihr Eure Schlussfolgerungen daraus bereits gezogen habt und dass sie sofort bereit lagen. Ihr seid einem vorgefertigten Klischee gefolgt. Wenn niemand gegen Euch protestiert hätte, hättet Ihr behauptet, dass Ihr voll und ganz Teil der Bewegung gewesen seid. Ja sogar, dass sich die Bewegung Eure Position zueigen gemacht hätte. Wenn es Proteste gegen Euch gegeben hätte, hättet Ihr gesagt, dass es sich um einige wenige gewalttätige Ausläufer handelt, die man isolieren müsse.


Schade, dass es ein so schwieriges Unterfangen ist, zwei Millionen Leute zu isolieren und dass – ganz deutlich gesagt – am Ende die Gefahr besteht, dass Ihr es seid, die isoliert werden. Auch deshalb weil Ihr alles getan habt, um Euch von der Anti-Kriegs-Bewegung zu distanzieren. Zuallererst die interessierte Enthaltung im Parlament bei der Abstimmung über den Irak <bzw. die fortgesetzte Stationierung italienischer Carabinieri dort> (apropos: Warum seid Ihr nicht mit einem Transparent „Es lebe der Kosovo- und der Afghanistan-Krieg !“ auf die Demo gekommen) und dann die Beteiligung im Campidoglio Arm in Arm mit den Unterstützern des schlimmsten Terrorismus: dem Krieg.


Damit nicht zufrieden, habt Ihr dann beschlossen, an einer Demonstration teilzunehmen, deren Losung das genaue Gegenteil dessen war, was Ihr im Parlament vertreten habt: Sofortiger Rückzug der Truppen aus dem Irak !


Viele haben Euch gebeten und angefleht, die Demonstration und ihre Inhalte nicht durch Eure Anwesenheit zu entwerten. Viele haben an Euren Anstand, Eure Glaubwürdigkeit und Eure Ehrlichkeit appelliert, aber vergeblich. Ihr habt in Eurer Arroganz beschlossen, zwei Millionen Menschen Eure unerwünschte, missverständliche und störende Präsenz aufzuzwingen.


Deshalb sind wir am Morgen, nachdem wir vor Berlusconis Residenz protestiert hatten, mit dem Plakat „Fassino mach’ nicht den Vogel Strauß!“ auch vor Eure nationale Parteizentrale gezogen.


Auf der piazza sind wir dann aber von einer in Bewegung geratenen Multitudine mitgerissen worden, von einem unbändigen Fluss aus Hoffnung und Leidenschaft und haben Euch – um die Wahrheit zu sagen – buchstäblich vergessen.


Wir haben stundenlang zwischen piazza Esedra und der piazza dei Cinquecento praktisch festgesessen, gefangen genommen von einer unaufhörlichen Flut von Menschen, die seitlich an uns vorbei floss, ohne dass es uns gelang, unsere Lautsprecherwagen von der Stelle zu bewegen. Das waren Stunden des Festes und der Gelassenheit, die wir innerhalb des Friedensvolkes, unseres Volkes erlebten. Mit der Gewissheit, einen großen Tag der kollektiven Revanche an den Kriegsregierungen und den Heucheleien derjenigen zu erleben, die sich nicht aus der militärischen Besetzung des Irak zurückziehen wollen.


In der via Cavour haben wir Euch gesehen, haben wir die nervösen und wütenden Kordons Eures Ordnungsdienstes gesehen, die versuchten sich – entgegen den vom Organisationskomitee getroffenen Entscheidungen – vor uns in den Demozug hinein zu mogeln.


Das ist ihnen nicht gelungen, aber kurz darauf sind sie zum Gegenangriff übergegangen.


Auf der piazza dell’Esquilino haben die Berserker des Ordnungsdienstes <der DS> als eine Gruppe von Demonstranten spontan gegen die Anwesenheit Fassinos auf der Demonstration zu protestieren begann und Parolen gegen ihn rief, angefangen die Leute mit Stößen, Fußtritten und Faustschlägen zu traktieren und wir sahen erneut die Gummiknüppel auftauchen, die bei der Polizei verwendet werden. An diesem Punkt spürten viele von uns das dringende Bedürfnis sich gegen diese Gewalt und diese Arroganz zu wehren.


In der Demonstration blieb den Leuten die Spucke weg und wir sind mit Vielen bis zur piazza hochgelaufen, um die Proteste zu unterstützen und auf Eure Aggression zu reagieren. Als Ihr merktet, dass es Euch nicht mehr gelingen wird, da(mit) durchzukommen und dass Ihr Tausenden von Leuten gegenübersteht, die entschlossen sind, gegen Euch zu protestieren, seid Ihr zur Seite gegangen und habt die Carabinieri aufgefordert, uns anzugreifen. Kurz gesagt: Zuerst habt Ihr diejenigen attackiert, die gegen Euch protestierten und dann – als Ihr Wenige bliebt – habt Ihr darum gebeten, dass die Carabinieri das für Euch erledigen.


An dem Punkt sind wir auf unser Fest zurückgekehrt, das Ihr versucht habt, uns mit Eurer sinnlosen Provokation zu verderben.


Das sind die nackten Fakten.


Ihr seht, liebe Herren vom Sekretariat, dass es nicht die Anhänger- / Mitgliedschaft (das Volk) der DS ist, das auf den Friedensdemonstrationen fehl am Platz ist, sondern die schändlichen Positionen derjenigen, die zusammen mit Berlusconi demonstrieren, nicht gegen die Fortsetzung der Truppenentsendung stimmen und für die humanitären Kriege und die CPT <= Sammellager für Flüchtlinge> eintreten.


Ihr habt Euch als eine kleine arrogante Gruppe erwiesen, die ihre Präsenz mit Hilfe von Gewalt durchsetzen wollte. Das ist Euch nicht gelungen. Aber nicht aufgrund der Aktion einer Schlägertruppe nach Art der squadristi <= Mussolinis SA>, sondern aufgrund eines weitverbreiteten Unwillens, den man in jeder Ecke des Demozuges spürte. Wo auch immer Ihr aufgetaucht wäret, hätte man gegen Euch protestiert, Euch ausgepfiffen und Parolen gegen Euch gerufen, wie man es völlig zu Recht tut.


Außer uns hatten Euch das auch viele Andere gesagt, aber abgekapselt in Eurem kleinen Elfenbeinturm sitzend, habt Ihr es nicht geglaubt. Ihr wolltet die Bewegung herausfordern. Zuerst mit Eurer schändlichen Großen Koalitions-Demo am vergangenen Donnerstag <den 18.3.2004>, die eklatant gescheitert ist, und dann indem Ihr gestern eine Demonstration der Stärke veranstalten wolltet. In beiden Fällen habt Ihr allerdings eine schwere Niederlage erlitten. Gestern hat Euch die Zivilgesellschaft, das Volk der Linken, den Gehorsam verweigert und Ihr habt „an Euren Fingernägeln gekaut“, wie man in Rom sagt. Aber die Vogel-Strauß-Politik zahlt sich nicht immer aus. Es ist Zeit den Kopf aus dem Sand zu ziehen und die Augen zu öffnen. Die mögliche andere Welt hat sich in Bewegung gesetzt.


Die Disobbedienti


P.S.: Sagt den Gaunern und Schlägern Eures Ordnungsdienstes, dass wir an das Recht auf Widerstand glauben. Wenn wir angegriffen werden, reagieren wir darauf. So wie gestern auf der piazza dell’Esquilino.



Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügungen in eckigen Klammern:

Antifa-AG der Uni Hannover