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Antifa-AG der Uni Hannover & Gewerkschaftsforum Hannover:


Am 16.Januar 2004 sorgte der israelische Botschafter in Schweden, Zvi Mazel, für internationale Schlagzeilen als er in einer, mit der Konferenz über Genozide verbundenen, Ausstellung ein israel-kritisches Kunstwerk demolierte. Während der Vertreter des Kolonialstaates Israel, unter dem Beifall von Ariel Sharon, die Gründe für seine Hooligan-Aktion in alle Welt verbreiteten durfte, ging etwas unter, dass es sich bei dem Hauptautor, Dror Feiler, selbst um einen Juden und israelischen Staatsbürger handelt, der darüberhinaus aktives Mitglied der "European Jews for a just Peace" (www.ejjp.org) ist. Die links-unabhängige italienische Tageszeitung "il manifesto" führte für die Ausgabe vom 18.1.2004 ein Telefoninterview mit ihm, das wir eine Übersetzung wert finden, auch wenn wir die etwas metaphysische These von einer quasi verselbstständigten "Gewalt-/ Haßspirale" nicht teilen, sondern der Meinung sind, dass dabei letztlich immer materielle Interessen (z.B. die Aufrechterhaltung von Siedlerprivilegien oder der Kampf gegen Diskriminierung und Unterdrückung) und historische Bedingungen ausschlaggebend sind.


"So wollen sie uns zum Schweigen bringen"


Es spricht Dror Feiler, der Autor des Werkes und Friedensaktivist.

Israel ist gegen jede Kritik.


Stefano Liberti


Dror Feiler ist noch immer schockiert. Als er, zusammen mit seiner Freundin Gunilla Sköld, die Installation "Schneewittchen und der Wahnsinn der Wahrheit" für die mit der Konferenz über die Genozide verbundene Ausstellung schuf, hatte er niemals eine Reaktion wie die des israelischen Botschafters erwartet. "Er hat sich verhalten wie ein Vandale", sagt er uns am Telefon von Stockholm aus. Heute steht Feiler im Mittelpunkt des Interesses. Während wir mit ihm sprechen, klingelt es unaufhörlich auf der zweiten Leitung und unser Gespräch wird sogar zeitweilig von der Polizei unterbrochen, die in der Wohnung des Künstlers eintrifft, um seine Aussage aufzunehmen. 1951 in Tel Aviv geboren, zog Feiler 1971 nach Schweden. Allerdings nicht bevor er den rituellen dreijährigen Militärdienst absolviert hatte. Heute ist er einer der Aktivisten der Bewegung der "Europäischen Juden für einen gerechten Frieden" (EJJP), die die Politik der Regierung Sharon verurteilen und die Europäische Union dazu auffordern, eine entschiedenere Haltung gegen die Politik des jüdischen Staates gegenüber den Palästinensern einzunehmen.


Ihr Werk hatte starke Implikationen politischen Charakters. Haben Sie wirklich keine derartige Reaktion erwartet ?


"Absolut nicht. Der Botschafter hat die Bedeutung der Installation völlig verdreht. Unser Werk tritt nicht für die menschlichen Bomben ein, wie der Vertreter Israels behauptet hat, bevor er sich wie ein Hooligan darauf stürzte. Im Gegenteil: Es will einfach sagen, dass man im Mittleren Osten dabei ist, sich in einem Blutbad aufzureiben und dass das Blutvergießen nichts anderes bewirkt als weiteres Blutvergießen nach sich zu ziehen."


Warum habt Ihr dieses Thema gewählt ?


"Ich wurde in Israel geboren und habe mehr als 20 Jahre dort gelebt. Das Geschehen im Mittleren Osten berührt mich persönlich, ist Teil meiner DNA. Meine Freundin und ich, wir hielten dieses Werk für völlig im Einklang mit dem Thema der Konferenz, die mit dieser Ausstellung verbunden ist und die sich die Frage stellt, wie man das Entstehen von Genoziden verhindern kann. Von diesem Gesichtspunkt aus wollten wir eine eindeutige Botschaft lancieren: Nur wenn die Spirale des Hasses entschärft wird, kann ein gerechter Frieden im Mittleren Osten erreicht werden."


Meinen Sie nicht, dass, indem man die Selbstmordattentäterin <Hanadi Dschadarat> "Schneewittchen" nennt, ihr eine Aura von Naivität zugeschrieben und ihr Handeln in gewisser Weise gerechtfertigt wird ?


"Ich verurteile den Einsatz von menschlichen Bomben nachdrücklich. Ich denke, dass das eine schreckliche, dumme und für die nationalen Bestrebungen der Palästinenser kontraproduktive Sache ist. Gleichzeitig verstehe ich jedoch die Logik, die diesem Phänomen zugrunde liegt: Wenn Du nichts mehr hast, für das es sich zu leben lohnt, findest Du etwas, für das Du sterben kannst."


Glauben Sie, dass es möglich wäre, ein Werk wie Ihres in Israel auszustellen ?


"Ja, da bin ich absolut sicher. In Israel sind sehr viel kontroversere Kunstwerke ausgestellt worden, wie <zum Beispiel> Videoinstallationen, die die Figur Hitler in einer – vorsichtig ausgedrückt – provokativen Weise nutzen."


Viele Intellektuelle und Aktivisten beklagen jedoch, dass die Regierung Sharon dabei sei, die Ausdrucksmöglichkeiten enorm zu beschränken...


"Das ist ohne Frage wahr. Die Regierung versucht der freien Meinungsäußerung einen Maulkorb zu verpassen. Sharons Aktion schreitet an allen Fronten voran und das Werk des Botschafters fügt sich in diese Operation ein. Der Vertreter eines Landes, das sich als 'die einzige Demokratie des Mittleren Ostens' bezeichnet, darf sich nicht so verhalten. Ich bin zufrieden, dass er ins <schwedische> Außenministerium einbestellt wurde, um Erklärungen dafür zu liefern. Das bedeutet, dass die schwedische Regierung sich auf unsere Seite gestellt hat."


Haben Sie den Botschafter vor dem Zwischenfall jemals getroffen ?


"Nein, ich kannte ihn vom Namen her, aber persönlich hatte ich ihn niemals gesehen."


Sie haben die Europäische Union kritisiert und sie als gegenüber Israel zu nachgiebig bezeichnet. Was sollte Europa tun ?


"Aus meiner Sicht muss die Europäische Union ihr Assoziierungsabkommen mit Tel Aviv außer Kraft setzen. Einfach weil Israel den, in jenem Abkommen enthaltenen, auf die Menschenrechte bezogenen Klauseln nicht nachkommt. Ich denke, dass Europa zur Kenntnis nehmen sollte, dass ein Staat, der sich für demokratisch hält, sich nicht in dieser Weise verhalten darf. Indem es eine illegale Besatzung aufrechterhält, Häuser zerstört und Siedlungen baut, stellt sich Israel außerhalb der internationalen Gemeinschaft."


Zuletzt hat sich in Europa eine Alarmiertheit bezüglich der Verschärfung antisemitischer Einstellungen verbreitet. Glauben Sie, dass diese Gefahr real ist ?


"Ich sehe diese Gefahr in Europa nicht. Der Rassismus gegenüber Schwarzen, Arabern oder Moslems scheint mir sehr viel verbreiteter. Sharon versucht den Antisemitismus zu instrumentalisieren, um jede Kritik an seiner Politik zum Schweigen zu bringen. Ich glaube allerdings, dass die israelische Regierung in dem Augenblick, in dem sie sich anmaßt, alle Juden auf der Welt zu vertreten, nichts anderes tut als einen möglichen Antisemitismus zu nähren."



Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügungen in eckigen Klammern:

Antifa-AG der Uni Hannover und Gewerkschaftsforum Hannover