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"Uns interessieren hier weniger die realen Vorgänge!"

oder:

Die Anti-EXPO-AG auf dem Weg in die Neue Mitte

Die Hoffnungen zahlreicher Linker (nicht nur in dieser Stadt), die Debatte über den Kampf der Palästinenser und die von den sog. "Anti-Nationalen" ultimativ erhobene Forderung nach "Solidarität mit Israel" (sonst Antisemit!) aussitzen oder sich - mittels “Neutralitätserklärung” - wegducken zu können, haben die Auseinandersetzung weder beendet noch etwas zur Klärung der Frage beigetragen. Das zeigt nicht nur der anonyme Drohbrief gegen uns und den AStA der Ende September aus der Hamburger Anti-Nationalen-Szene im AStA eintraf, sondern auch der nebenstehend veröffentlichte Beitrag der im selben Lager angesiedelten Anti-EXPO-AG Hannover. Anders als dem Drohbriefschreiber, dem außer viel Gestammel und dem klassischen reaktionären Spießbürger-"Diskurs" "Man müßte Euch mal..." nicht viel gelungen ist, haben die Darlegungen der Anti-EXPO-AG die Diskussion unseres Erachtens durchaus einen großen Schritt vorangebracht. Ihr ist es - sicherlich wider Willen - gelungen, exemplarisch aufzuzeigen, wie die "Argumentation" derjenigen, die so eifrig die Antisemitismus-Keule schwingen, funktioniert, was sie im Kern bedeutet und wohin sie führt.

Wir werden daher im Folgenden weitgehend darauf verzichten, die Leser mit einer detaillierten Widerlegung bzw. Richtigstellung aller Unterstellungen und Verzerrungen zu ermüden, die die Anti-EXPO-AG dank ihrer akuten Leseschwäche, ihrer Sektenhaftigkeit und ihres Desinteresses an den Tatsachen produziert. Wir werden uns auf die zentralen Stellen konzentrieren und die politische Tendenz herausarbeiten, die darin deutlich wird, auch wenn es uns aufgrund der z.T. üblen Beleidigungen, die ihr Text enthält (z.B. unsere Klassifizierung als "Antisemiten" und "Geschichtsrevisionisten", d.h. unsere Gleichsetzung mit den Auschwitz-Relativierern oder Leugnern!), nicht eben leicht fällt.

Der Ausgangspunkt der Anti-EXPO-AG ist ihr seit langem bekannter Versuch hier und heute nicht in erster Linie wirksame linke Politik zu machen, sondern "gute Menschen" zu sein. Ein Unterfangen, daß mehr denn je ein individuelles, Moralin-saures und – noch dazu unter den Bedingungen des Kapitalismus – ein zum Scheitern verurteiltes ist. Trotzdem erfreut es sich dank des weitgehenden Fehlens sozialer Widerstandsbewegungen in diesem Land wachsender Beliebtheit. Wobei seine Protagonisten – ganz im Sinne des Zeitgeistes – aus dem Elend eine Tugend machen und die Kümmerexistenz als atomisierte kleinbürgerliche ICH-AG's noch glorifizieren. Selbstbezogenheit und Ego-Tour als scheinselbständige Antwort auf die wirtschaftsliberale Vereinzelung und Deregulierung. Das ist der ideologische Background der Anti-EXPO-AG. Vor diesem Hintergrund kennt die Anti-EXPO-AG keine Klassen und Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche! Und versucht in einer einfachen Negation die besseren, die wirklich guten Deutschen zu sein. Das führt sie zielsicher zur Nationalisierung der Diskurse (hier der “deutsche Diskurs” – dort der “jüdische”). Ganz ihrem undialektischen Denken entsprechend ist Ausbrechen aus diesen Käfigen und eine Vereinigung zu einem Kollektiv" (sei es nun das "internationale Proletariat" oder auch nur eine gemeinsame Front deutscher und israelischer Linker) weder möglich noch wünschenswert. Im Gegenteil, der Begriff "Kollektiv" ist bei den Anti-EXPO-Ich-AG's mittlerweile durchweg negativ besetzt und kommt für sie offenbar gleich nach "Volksgemeinschaft".

Anders als viele ihrer "anti-nationalen" Glaubensbrüder und -schwestern verschweigen sie ihr Credo dankenswerterweise nicht: "Uns interessieren hier weniger die realen Vorgänge, auch nicht die berechtigten Aspekte der Kritik an der israelischen Militär- und Siedlungspolitik". Klarer geht es nicht mehr: Die Realität interessiert unsere Don Quichottes nicht. Die ist offenbar so unschön und würde zu so unerfreulichen Erkenntnissen über den Staat Israel und die Regierung Sharon führen, das man sie besser ganz ignoriert!

Getrennt von der Wirklichkeit befassen sie sich lieber mit den "geschichtsrevisionistischen und in der Tat antisemitischen Wahrnehmungsmuster(n)" von "Teilen der deutschen ,Linken’" und "idealtypisch auch" der Antifa Uni. Oder mit dem, was sie dazu erklären! Im Verlauf ihrer "Beweisführung" wird schnell klar, wer hier mit vorgefertigten Denkschablonen ans Werk geht. Die Methode unserer Ritter von der traurigen Gestalt bei ihrem Kampf gegen die Windmühlen, die sie für "geschichtsrevisionistische und in der Tat antisemitische" Drachen halten, ist denkbar einfach: In Karikaturen sieht man das was man sehen will und Zitate werden soweit zerstückelt und umgebogen bis sie den eigenen Denkschablonen entsprechen. Hier zeigen unsere "anti-nationalen" Drachentöter echte deutsche Gründlichkeit nach dem Motto, wenn man schon "die realen Vorgänge" ignoriert, dann aber auch richtig! So werden in der Zeichnung des linken algerischen Karikaturisten Khalil Bendib Ariel Sharon und die Vertreter der nicht ganz so gut beleumundeten israelischen Armee sowie rechtsradikaler Siedlerbewegungen, die als Mäuse dargestellt wurden, welche sich im Rahmen einer Strategie der Mäuse immer neue Teile der Westbank und des Gaza-Streifens abknapsen und damit einen unabhängigen Palästinenser-Staat ad absurdum führen, kurzerhand zu "Juden mit Rattenschwänzen, die in ihren Löchern im Untergrund hocken". Mit einem Satz ist die Kritik am israelischen Staatsterrorismus, an der Besatzung, an den kontinuierlichen Razzien, an der Kolonisierung durch rechtsradikale Siedler, an der rassistischen Behandlung der Palästinenser, die unzählige Male durch amnesty international, die UNO und diverse andere urbürgerliche Institutionen gebrandmarkt wurde und jeden zweiten Tag im (antisemitischen?) deutschen (aha!) Fernsehen zu sehen ist, weggewischt und zur faschistischen "Stürmer"-Hetze erklärt. Wir zumindest sind nicht der Meinung, daß Sharon, seine Soldateska und rechtsradikale Organisationen wie Gush Emunin oder die Shas-Partei mit "den Israelis" gleichzusetzen sind (auch wenn sie bedauerlicherweise noch immer die Mehrheit der israelischen Bevölkerung hinter sich haben) und schon gar nicht mit "den Juden"! In den "Wahrnehmungsmustern" der Anti-EXPO-AG ist aber genau das der Fall.

Die politische Stoßrichtung

Das zweite Instrument, dessen sich unsere Helden bedienen, ist die Sinnentstellung von Zitaten. Nach dem Motto: Was nicht paßt, wird passend gemacht! Beispielhaft sei das an dem Zitat demonstriert, das sie als Beleg für unsere "strukturell antisemitische Kapitalismusanalyse" anführen und in dem es um die Verantwortung des deutschen Kapitals für den Faschismus geht. Um dieses Zitat richtig hinzubiegen, lassen sie den Anfang weg ("Die <Kollektivschuld->Theorie, die die Westalliierten nach 1945 aufbrachten, dient dazu..."), verwandeln "die Verantwortung des deutschen Kapitals (Deutsche und Dresdner Bank, IG Farben, Stinnes, Krupp usw.) seine Unterstützung für die Machtergreifung der Nazis und sein Profitieren von deren Politik (Zerschlagung der Arbeiterbewegung, Aufrüstung, Zwangsarbeiter, ,Arisierung` jüdischen Eigentums)" mit einem Großbuchstaben in den Satzanfang und ergänzen dann: "seien der Kern des deutschen Faschismus".

Tatsächlich hatten wir hier gar keinen “Kern des deutschen Faschismus” definiert, sondern lediglich darauf hingewiesen, daß die Kollektivschuldtheorie politisch dazu verwendet wurde die Verantwortung des deutschen Kapitals und seine Unterstützung für die Machtergreifung ... "zu minimieren, um eben dieses Kapital genau wie alte Nazis (...) für die Restauration bürgerlicher Herrschaft in Deutschland und ihren Feldzug gegen das sozialistische Lager erneut einzuspannen". Eine Tatsache, die heute selbst von dezidiert rechten und US-freundlichen Intellektuellen nicht mehr bestritten wird. Selbst in dem Rest des Zitates, den die Anti-EXPO-AG übrig gelassen hat, findet sich noch die Formulierung: "seine Unterstützung für die Machtergreifung". Unterstützung ist nicht Rädelsführerschaft! Das hätte selbst der Anti-EXPO-AG auffallen müssen.

Diese “Unaufmerksamkeit” ist freilich kein Zufall, sondern hat mit den beiden zentralen Anliegen unserer ehemaligen Anti-EXPO-Kämpfer zu tun: der “Solidarität mit Israel” und der Verurteilung jedweder konkreter antikapitalistischer Politik als “strukturell antisemitisch”: “Gerade antikapitalistischer Widerstand manifestiert sich leicht als antisemitischer”. Und wenn Linke, Gewerkschafter oder andere gar meinen: "Das ,Kapital’, die bösen Konzerne sind schuld." dann ist der Ofen aber aus! In Zeiten wo der Kapitalexport im Rahmen der sogennanten (u.E. bereits seit 150 Jahren stattfindenden) Globalisierung quantitativ nocheinmal deutlich zugenommen hat, täglich Massenentlassungen, Flexibilisierungsmaßnahmen und Outsourcing angekündigt und exekutiert werden und Hedge Fonds, Börsen-Baisse, die Riester-Rente bzw. der "Job-Floater" oder das "Ausbildungszeitwertpapier" der Hartz-Kommission einen nicht ganz unwesentlichen Teil der kapitalistischen Wirklichkeit darstellen, sollen nach Meinung unserer Gutmenschen das Finanzkapital, die Konzerne und die Kapitalisten tabu sein und der Antikapitalismus zum Bestandteil von Sonntagsreden degradiert werden. Sonntagsreden, in denen man – will man politically correct sein – den Kapitalismus nur noch "als gesellschaftliche Totalität" begreifen darf, "abstrakten Wertgesetzen folgend". Das zu hören, wird die Herren Schröder und Fischer, Hartz, Hundt, Ackermann und Rogowski sicher freuen. (Um - als gute "Antisemiten" - gleich wieder ein paar "finstere Kapitalisten" samt Politmanagern ins Spiel zu bringen.)

Doppelt unschön an diesem Aufguß ist, daß unsere ehemaligen EXPO-Widerständler ihren eigenen verkürzten Antikapitalismus aus der Vergangenheit (Sigmund Freud läßt grüßen!) auf andere projizieren – in diesem Fall auf uns. Denn es war die Anti-EXPO-AG, die seinerzeit zu uns kam, um uns nach Material für eine Anti-Siemens-Kampagne zu fragen und zum Mitmachen aufforderte. Was wir damals dankend abgelehnt haben, 1. weil wir autonome Kampagnenpolitik für wenig gewinnbringend und 2. weil wir die inhaltliche Grundlage dieser Kampagne schlicht für zu dürftig hielten. Und es ist die Anti-EXPO-AG und nicht wir, die sich 10 Jahre lang mit dem Widerstand gegen eine internationale Konzern-Messe (eben die EXPO in Hannover) beschäftigt und sich sogar danach benannt hat!

Und noch etwas stößt uns ziemlich übel auf: das mehr als deutliche Bürger-Ressentiment gegen Arbeiter, gegen ,Proleten’, das an diversen Stellen ihres Pamphletes zum Vorschein kommt. Das "deutsche" oder "internationale Proletariat" als "gutes Kollektiv" ist ihnen ein Graus. Da ereifern sie sich dann darüber, daß wir uns diesem "Kollektiv" zugehörig zu halluzinieren scheinen". Wo Auschwitz doch "die deutsche / proletarische Wunde" ist und es ein "nicht-nazistische(s) Proletariat" weder geben kann noch darf. "Der deutsche Opa als bewaffneter Partisan?" Bei dieser Vorstellung klappt unseren Helden glatt das Visier runter und sie können nur hoffen, daß wenigstens ihr Pferd nicht die Orientierung verliert. Aber auch darauf ist – so scheint's – kein Verlaß.

Denn, “halluzinieren" wir oder waren es nicht die Arbeiterorganisationen (die KPD, SPD, SAP, KPO, FAUD, der ADGB, die Rote Hilfe, die Arbeitersportvereine etc.), die die Nazis als erste zerschlugen, kaum daß sie an der Macht waren? Füllten nicht die Kader der Arbeiterbewegung lange vor allen Anderen die KZ's bzw. wurden "in Schutzhaft" genommen oder gleich "auf der Flucht erschossen"? War nicht die Zerschlagung der deutschen (aber auch der italienischen oder der spanischen) Arbeiterbewegung die Grundvoraussetzung für die Verwirklichung der Ziele des Faschismus? Haben die führenden Nazis z.B. nicht auch genau das offen erklärt? Und haben nicht Tausende deutscher (zumeist proletarischer) Antifaschisten von 1936-39 in den Internationalen Brigaden in Spanien bewaffnet gegen Franco und den spanischen Faschismus gekämpft?

Was uns anbelangt, so sollte auch die Anti-EXPO-AG wissen (wenn das Alzheimer-Syndrom denn noch nicht zu weit fortgeschritten ist), daß zu unserer Gruppe tatsächlich seit langem auch Lohnabhängige und nicht-akademische Arbeitslose (igitt!) zählen und wir über das von uns mitgegründete und mitgetragene Gewerkschaftsforum Hannover, seine Veranstaltungsreihe, internationalen Solidaritätsaktionen u.a. Aktivitäten eine sehr konkrete Zusammenarbeit mit so ekligen, "sexistischen", "nationalistischen" etc. Proleten aus aller Welt pflegen. Eine derartige Orientierung erscheint uns als Linken nämlich interessanter, politisch produktiver und auch subversiver als die auf den an “moralische(r) Reinheit” interessierten, nach individuellem Gusto agierenden und emigrierenden bürgerlichen Intellektuellen, der offenkundig das Ideal der Anti-EXPO-AG darstellt. Denn die Kritik an diesen ist für unsere Ex-Anti-EXPO-Kämpfer: “eine Frechheit”.

So wenig wie die Wahrnehmungsmuster der Anti-EXPO-AG bezüglich unserer Auffassung vom Kapitalismus stimmen (einem Kapitalismus, der uns sowohl in seinen abstrakten Wertgesetzen wie in seinen konkreten Erscheinungen und Konsequenzen, in seiner Produktions- wie Zirkulationssphäre extrem unsympathisch ist und dessen Beseitigung zugunsten einer hochentwickelten, rätedemokratischen, sozialistischen Gesellschaftsordnung wir anstreben) und mehr mit ihrer Vergangenheit und Gegenwart zu tun haben, so wenig stimmen auch die Unterstellungen bezüglich unserer Auffassung vom Faschismus. Wir haben herzlich gelacht, als wir in besagtem Pamphlet lasen, daß wir "in konsequenter Dimitrow-Manier" den Nationalsozialismus "auf eine besonders üble Finte des Kapitals" "reduziert(en)". Wenn unsere Helden bei ihrem oberflächlichen Blick auf unsere Homepage (http://kickme.to/antifa-uni-hannover) nur einen Blick auf das Chapter "Antifa-Bewegung" und unser dort gespeichertes Papier "Gibt es ein Leben nach dem Tod ... für die Antifa-Bewegung", Abschnitt "Was ist eigentlich Faschismus?" geworfen hätten, dann hätten sie sich leicht vom Gegenteil überzeugen können. Aber mit den Tatsachen stehen unsere Freunde ja eh auf Kriegsfuß und Lesen zählt offenkundig auch nicht zu ihren Stärken.

Deshalb hier nur ganz kurz: Der Faschismus ist für uns keine erfolgreiche Verschwörung “der reaktionärsten ... Elemente des Finanzkapitals” mit den Nazis, Mussolinis PNF oder der Franco-Bewegung als willfährigen Marionetten, sondern eine präventive Konterrevolution durch den Staatsstreich einer relativ eigenständigen und eigendynamischen Massenorganisation aus reaktionären Deklassierten aller Klassen (mit einem Schwerpunkt im Kleinbürgertum), das ideologische Elemente und Symbole der Arbeiterbewegung entlehnt und sie ins Reaktionäre und Asoziale wendet, sie zu einer antikommunistischen, nationalistischen, militaristischen und z.T. rassistischen Ideologie formt und gegen die Arbeiterbewegung, die bürgerliche Demokratie etc. in Stellung bringt. Die faschistische Partei und Massenbewegung ergreift in einer historischen Situation die Macht, in der die Bourgeoisie selbst nicht mehr und die Arbeiterklasse noch nicht in der Lage ist, zu herrschen. Der Faschismus bedeutet Konterrevolution auf allen Ebenen und vor allem bedeutet er die politische Entmachtung des Kapitals, um seine soziale Dominanz zu bewahren. Wem das zu komprimiert und zu abstrakt ist, der sei auf unseren oben genannten Text verwiesen.

Daß unseres Erachtens auch der Arbeiter “an sich” gegen Antisemitismus nicht immun ist, dürfte aus dieser kurzen Zusammenfassung aber bereits deutlich geworden sein. Nicht umsonst hat Friedrich Engels vom Antisemitismus als dem “Sozialismus der Dummen” gesprochen. Die Geschichte zeigt allerdings auch, daß eine klassenbewußte Arbeiterbewegung gegen Antisemitismus und Rassismus durchaus weitgehend resistent ist. Nicht umsonst waren die Arbeiterparteien in der Weimarer Republik die wichtigsten Verbündeten des jüdischen Bevölkerungsteiles und gab es in ihren Reihen zahllose leitende Mitglieder jüdischer Abstammung. Nicht ganz zufällig haben die Nazis denn auch gegen “die jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung” gehetzt.

Tatsächlich läßt die Faschismustheorie der Anti-EXPO-AG erheblich zu wünschen übrig. Bei ihr sind ganz einfach “die Deutschen” (unter besonderer Berücksichtigung der Arbeiter selbstverständlich!) daran “schuld”. In Italien dann wohl “die Italiener”, in Spanien “die Spanier” etc. – eben die wohlbekannte Kollektivschuldtheorie. Eine differenzierte, historisch-materialistische Analyse stellt die zwar nicht dar, aber unseren Gutmenschen reicht ja auch das moralische Verdikt.

Ohnehin ist für sie der Massenmord an den europäischen Juden der Kern des Faschismus und entsprechend erbost sind sie am Ende, daß wir das auch so benannt haben. Es sei “eine unerträgliche Flapsigkeit einen Satz zu schreiben wie: ‚Für die Antinationalen und ihre Fans reduziert sich Faschismus offensichtlich auf Judenvernichtung.‘” So grauenhaft das systematische Hinmetzeln von 6 oder 7 Millionen Menschen war, bedeutet Faschismus doch noch weitaus mehr. Zum Beispiel gab es da einen Vernichtungskrieg der faschistischen Wehrmacht, der SS und ihrer diversen Hilfsverbände gegen die Sowjetunion, die “Politik der verbrannten Erde”, den “Kampf gegen das slawische Untermenschentum” und besagte “jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung”, deren Zentrale in Moskau ausgemacht wurde. Ein systematischer Vernichtungskrieg (den vor nicht allzulanger Zeit die Wehrmachtsaustellung noch sehr anschaulich dargestellt hat), der 21 Millionen Sowjetbürgern das Leben kostete und große Teile des Landes dem Erdboden gleichgemacht hat. Wir wollen hier keine Opferzahlen gegeneinander aufrechnen, sondern nur an einem einzigen Beispiel veranschaulichen, daß Faschismus sehr viel umfassender und blutrünstiger ist als es unsere typisch deutschen Anti-EXPO-Gesinnungsrichter wahrhaben wollen.

Deren “Aufarbeitung” des Faschismus und der Wiederverwendung der meisten Nazi-Kader für den Aufbau des imperialistischen Frontstaates BRD reduziert sich darauf, das deutsche Kapital aus der Schußlinie zu ziehen und das Anprangern der wohlbekannten Kumpanei nach 1945 mit den Worten “Kapital, West-Alliierte, Alt-Nazis – alles ein – jüdisch konnotierter Brei” ebenfalls für antisemitisch zu erklären und mit tabu zu belegen. Von allen Dummheiten unserer Anti-EXPO-Recken ist dies sicherlich die größte. Nur mal eine Frage: Wie können Alt-Nazis eigentlich Teil eines “jüdisch-konnotierte(n) Brei(s)” sein? Uns fällt angesichts solchen antinationalen Schwachsinns unweigerlich der berühmte Ausspruch von Oscar Wilde ein: “Nicht der Tabak vergiftet die Menschheit, sondern die große Anzahl der Idioten, die durch diese Welt ziehen!”

Der zweite große Stimulus, der die Ex-Anti-EXPO-Kämpfer antreibt, ist ihre eiserne Treue zum Staat Israel. “Zu dem Brei Kapital, West-Alliierte, Alt-Nazis wird noch Israel hinzugetan”, empören sie sich. Und daß wir dann noch Israel als “Rassisten- und Kolonialistenregime” bezeichnen, “drängt”, für sie, “zudem noch den letzten Rest vom schmutzigen Fleck Auschwitz fort”. Mal abgesehen davon, daß unseres Erachtens das eine mit dem Anderen nichts zu tun hat, sieht man hier, auf welch wackeligen Beinen der Antifaschismus der Antinationalen steht und wie sehr sie sich an der absurden Tabuisierung Israels festklammern, damit nicht alles zusammenbricht. Ein Dilemma, das immer dann entsteht, wenn die antifaschistische Konsequenz aus Auschwitz “Solidarität mit Israel” sein soll!

Es ist offenbar aber auch die gemeinsame Zugehörigkeit zur sogenannten "westlichen Wertegemeinschaft", die dafür sorgt, daß für sie "ein solidarischer Bezug" auf Israel selbstverständlich sein" sollte. Schließlich gilt es ja "die palästinensischen Terroristlnnen" (Originalton Anti-EXPO-AG!) gemeinsam zu bekämpfen. Hut ab! Eben noch selbst im niedersächsischen Verfassungsschutzbericht in die "terroristische" Ecke gedrängt, wird dieses durchsichtige Schema gegen den aufmüpfigen, “antisemitischen” Araber flugs übernommen und reproduziert. Auf dem Weg in die Neue Mitte sind unsere Heldlnnen wahrlich ein großes Stück vorangekommen! Das macht offenbar müde, aber auch großzügig (zumindest solange es einen selbst nichts kostet!). Und so offerieren sie dann Israel als den "Zufluchtsort der vom Antisemitismus Verfolgten", anstatt hierzulande dafür zu kämpfen, daß niemand vor antisemitischer Verfolgung fliehen muß. Um dies erfolgreich zu tun, müßte man freilich die Grenzen der autonomen Gutmenschen-Szene überschreiten, sich ernsthaft gegen die Neue Mitte wenden und u.a. mit gemeinen "Deutschen" zusammenarbeiten, die von dieser Neuen Mitte enttäuscht sind, ohne nach rechtsaußen abgedriftet zu sein. Da ist es natürlich einfacher das Problem auf Kosten der Palästinenser zu lösen. Zur generösen Arroganz imperialistischer Wohlstandsbürger gesellt sich die Mystifizierung des imperialistischen und rassistischen Staates Israel als Zufluchtsort der vom Antisemitismus Verfolgten". Der bürgerliche, offen terroristische und rassistische Staat Israel als traute Herberge "Zur Heimat" - mit dem Massenmörder Ariel Sharon als Herbergsvater, der aus tief empfundenem Humanismus heraus Zuflucht gewährt! Gegen nationale "Identitätsmythen" dieses Staates darf man sich (mit der notwendigen "Sensibilität für die eigene Position") laut unseren Helden gerade noch wenden, die sozialen “Identitätsmythen” hingegen sind tabu und werden von der Anti-EXPO-AG selbst nach Kräften reproduziert! Daran ändert auch die Erlaubnis nichts, daß man gelegentlich die eine oder andere Entscheidung der einen oder anderen israelischen Regierung durchaus kritisieren dürfe - natürlich nur wenn "eine gewisse selbstkritische Sensibilität für die eigene Position, aus der gesprochen wird, und die Wirkung, die diese Kritik im deutschen Diskurs entfalten würde", nachgewiesen werden kann. Wahrhaft bahnbrechend für radikale linke Kritik!

Angesichts dieser Werte-Gemeinschaft und der Anhänglichkeit zu dem Staat, der – von seiner objektiven Funktion her – seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Vorposten des Imperialismus in der Region zählt, ist es höchst fraglich, ob sich die Anti-EXPO-AG und die übrigen deutschen Antinationalen im Falle eines Irak-Krieges eindeutig gegen einen solchen positionieren könnten. Sehr viel wahrscheinlicher ist, daß sie sich (wie schon beim NATO-Krieg gegen Jugoslawien 1999 als die Anti-EXPO-Recken zusammen mit Scharping serbische KZ's entdeckten und vom Albaner-Schlächter Milosevic schwätzten, dem der Protest gegen den Krieg doch nur nützen würde) wiederum "neutral" verhalten werden. Es sei denn der "Zufluchtsort" Israel verlangt ihre aktive Unterstützung.

Verwundern kann dieser lange Marsch in die Neue Mitte nicht, denn weder agiert die Anti-EXPO-AG bzw. die Anti-Nationalen isoliert von der gesellschaftlichen Entwicklung noch haben sie sich je zu einem inhaltlichen und organisatorischen Bruch mit den (Oliv-)Grünen durchringen können noch sind die genannten Ideen auf ihrem Mist gewachsen. Den haben sie vielmehr (wie auch ihre Quellenhinweise belegen) nicht zuletzt von dem hannoverschen Soziologie-Professor Detlev Claussen übernommen. Einem ehemaligen Linken, der sich nach dem Abgang Oskar Negts zum neuen Vordenker am Schneiderberg aufschwingt und sich vor seinen Studenten gern damit brüstet, beste Kontakte zu den engsten Beratern des Weißen Hauses zu haben (aber natürlich auch zu Vordenkern der Großen Koalition Sharons) und die jüngsten imperialistischen Kriege unter US-Führung ebenso wie den Besatzungsterror Israels begrüßt und für ihre Unterstützung wirbt. Sein erklärtes Ziel ist "die Erneuerung" der Frankfurter Schule hin zu einer zentral auf dem Glauben an das freie bürgerliche Individuum und seine individuelle Entfaltung basierenden Theorie. Also die noch weitere Zurückdrängung der marxistischen Elemente. Mit der Konsequenz, daß beispielsweise Horkheimer auf den Kopf gestellt wird. Mit der neuen Maxime: Wer vom Faschismus reden will, soll vom Kapitalismus schweigen! Eine Position, die das aktuelle Denken der Anti-EXPO-AG auf den Punkt bringt und bei den (Oliv-)Grünen den adäquaten politischen "Zufluchtsort" für die vom Antiimperialismus Verfolgten findet.

Antifa-AG der Uni Hannover

Oktober 2002

P.S.: Wer sich für unsere weitergehenden politischen Positionen bzw. Infos, Interviews und Hintergrundberichte zu Palästina, Italien, Soziale Kämpfe in Europa, Antifa etc. interessiert, dem sei unsere Homepage empfohlen: http://kickme.to/antifa-uni-hannover