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Antifa-AG der Uni Hannover & Gewerkschaftsforum Hannover:


Anläßlich des Europäischen Sozialforums in Florenz Anfang November 2002 gab die Confederazione Cobas, die den bei weitem größten Zusammenschluß unabhängiger linker und linksradikaler gewerkschaftlicher Basiskomitees (Comitati di base = COBAS) in Italien darstellt, die Nullnummer einer eigenen Zeitung mit dem Titel “COBAS - Giornale della Confederazione Cobas” heraus. Da diese nur auf Italienisch erschien, bringen wir hier zunächst die Übersetzung der dort abgedruckten Selbstdarstellung der Confederazione Cobas. In den nächsten Wochen werden wir weitere Texte daraus ins Deutsche übersetzen und hier veröffentlichen.


(Ein Hinweis ist allerdings notwendig: Wie bereits bei anderen Gelegenheiten angemerkt, müssen die Angaben von Teilnehmerzahlen bei Demonstrationen - aufgrund der in Italien allseits verbreiteten Neigung zu numerischer Übertreibung und Bombastik - in der Regel durch den Faktor 10 geteilt werden, um auf die tatsächliche Beteiligung zu kommen !)




Confederazione Cobas:

Wer sind wir und wofür kämpfen wir ?


von der CONFEDERAZIONE COBAS


Die Confederazione Cobas versammelt das Erbe der spontanen Erhebung der Fabrikarbeiter der 60er Jahre, der Beschäftigten des Dienstleistungssektors, der prekär Beschäftigten und der Arbeitslosen in den 70er und 80er Jahren sowie des Massenprotestes gegen die neokorporativen Gewerkschaften Anfang der 90er Jahre (die als “Saison der Schraubenmuttern” <mit denen die CGIL-CISL-UIL-Gewerkschaftschefs nach Abschaffung der gleitenden Lohnanpassung an die Inflation - scala mobile - von zahlreichen aufgebrachten Arbeitern beworfen wurden> in die Berichterstattung eingegangen ist) als die ersten Branchen-Cobas gebildet wurden.


Die Confederazione Cobas entsteht im März 1999 durch die Fusion der Cobas der Schule mit dem Coordinamento Nazionale Cobas, das die Berufsgruppen der Beschäftigten des Gesundheitswesens, des öffentlichen Dienstes, der Energieerzeugung und der Telekommunikation umfaßte.


Warum die Selbstorganisation ?


Die Entscheidung, eine selbstorganisierte Gewerkschaft in klarer Gegenposition zu den traditionellen Gewerkschaftszentralen ins Leben zu rufen, entsteht aus:

der Unvereinbarkeit von jenem Modell und unserer Art den politischen und gewerkschaftlichen Kampf zu begreifen;

der klaren Ablehnung der Politik der Konzertierten Aktion, durch die die sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaften den sozialen Konflikt ersetzt haben. Dies hat die Mitverwaltung der Flexibilisierungspolitik und der lohnpolitischen Eindämmung gekennzeichnet, die mit den Mitte-Links-Regierungen den Gipfel erreicht haben. Im Austausch hat der Staat für ökonomische Vorteile in verschiedenen Formen gesorgt (Schirmherrschaft, Steuerberatungszentren, die Leitung ergänzender Vorsorgefonds), die zur Aufrechterhaltung eines immer größeren Heeres von Funktionären und Bürokraten entscheidend sind, für die die traditionellen Quellen der Selbstfinanzierung nicht mehr ausreichend wären;

der Feststellung eines starken Zentralismus und der normalen Berufung auf abgeschottete und ultraentschlossene Mehrheiten, die die realen Ausdrucksspielräume des internen Dissenses beseitigen.


Unsere strategische Vorstellung


Die Arbeiterinnen und die Arbeiter können sich nicht auf einen defensiven Kampf am eigenen Arbeitsplatz beschränken, ob er nun stabil oder prekär ist und auch nicht auf einen Kampf innerhalb einer Branche oder einer Berufsgruppe, die glauben, daß sie vor den Prekarisierungs- und / oder Veräußerungsprozessen “sicher” seien. Ein solcher Kampf wäre unter den gegenwärtigen Bedingungen bereits zu Beginn verloren. Der Offensive des Kapitals kann nur von einer Front entgegengetreten werden, die heute mehr denn je die gesamte Welt der abhängigen Beschäftigung in allen ihren Ausdrucksformen umfaßt. Ihr Aufbau geschieht ausgehend vom grundlegenden gewerkschaftlichen Terrain, um sich notwendigerweise auf das allgemeine politische Terrain auszudehnen und so den aggressiven Dynamiken des Kapitals entgegen zu treten, die alle Lebensnerven der menschlichen Aktivitäten durchdringen. Ein kohärent antikapitalistisches Verhalten durch die Gesamtheit der abhängig Beschäftigten ist durchaus nicht vorgezeichnet. Daher die Unerläßlichkeit eines Selbstorganisierungsprozesses von unten, der sich ausdehnt und sich auf Massenniveau in allen Teilen der abhängigen Beschäftigung verankert - der öffentlichen und privaten, “stabilen” und prekären, manuellen und intellektuellen, die allesamt - wie auch immer - dem kapitalistischen Kommando unterworfen sind. Dies ist das Ziel, das die Confederazione Cobas anstrebt.


Gewerkschaftlicher Kampf und politischer Kampf


Die Confederazione Cobas ist ein politisch-gewerkschaftlich-kulturelles Subjekt. Die Neuzusammenfügung der politischen und der gewerkschaftlichen Ebene ist ein fundamentales Prinzip, das auf dem Bewußtsein basiert, daß das soziale Subjekt niemals das Bewußtsein der Zugehörigkeit zu seiner Klasse haben kann, wenn es nicht - ausgehend von den materiellen Widersprüchen - über die Einsicht in seine Interaktivität in einem allgemeineren Kontext verfügt. Den gewerkschaftlichen Konflikt vom politischen zu trennen, bedeutet im Kern, den Konflikt Kapital-Arbeit partikularen politischen Projekten oder der Akzeptanz des bestehenden Zustandes zu unterwerfen. Dies ist das Kennzeichen unserer Existenz als politisches und gewerkschaftliches (d.h. soziales) Subjekt, das in der Spannung der Neuzusammenfügung des ökonomischen mit dem politischen Kampf umfassend agiert. Daher ist unsere Aktion in den Arbeitsstätten, die den prioritären Ort unserer Intervention bilden, darauf ausgerichtet, den Klassencharakter zu enthüllen, der auch die elementarsten gewerkschaftlichen Forderungen durchdringt.


Die Ablehnung der Delegierung


Die Confederazione Cobas gründet sich auf das Prinzip der Selbstorganisation und des Kampfes für die Überwindung der Kultur der Delegierung. Die hat die Kultur der gewerkschaftlichen Organisationen und infolgedessen die Mentalität und das Handeln der Arbeiter in den fordistischen Gesellschaften lange charakterisiert. Sie besteht darin die Verteidigung der eigenen Interessen en bloc an Berufsgewerkschafter zu delegieren und die Arbeiter dadurch zur Passivität zu zwingen sowie zur Ignoranz bezüglich der Bedingungen der eigenen Ausbeutung und der Möglichkeiten für ihre Überwindung zu sorgen. Ein solches Verhalten ist unter den Arbeitern noch immer stark verwurzelt. Deshalb lehnen wir das Berufsgewerkschaftertum und das System der von der Gegenseite bezahlten permanenten Trennungen ab und sind stattdessen für die Ämterrotation.


Das Organisationsmodell


Die Confederazione Cobas ist auf Branchenföderationen aufgebaut, die ein eigenes Statut sowie eine finanzielle und Leitungsautonomie besitzen. Der vertikale Aufbau wird durch ein Basismodell ausbalanciert, das von den Comitati di base (Basiskomitees - Cobas) der betrieblichen und / oder territorialen Produktionseinheit und von den horizontalen, gebietsbezogenen Branchen- und konföderalen Strukturen gebildet wird. Eine solche Gliederung ist eine Garantie gegen “egoistische” Rückentwicklungen korporativen Typs und vergrößert zugleich die Wachstumsperspektiven auf dem gewerkschaftlichen Terrain. Die konföderale Ebene und ihre starke politische Kennzeichnung übertragen eine umfassende Vorstellung von der Realität, indem sie die rein branchenbezogenen Logiken überwinden und eine eigenständige Interpretation der gesellschaftlichen Phänomene in vollständiger Unabhängigkeit von anderen politischen oder parteipolitischen Kräften verwirklichen.


Die jüngsten Kämpfe


In den letzten drei Jahren war das Engagement der Confederazione Cobas sowohl aufgrund der Intensivierung der Unternehmeroffensive als auch (seit Seattle) aufgrund der Eröffnung einer neuen fruchtbaren Interventionsmöglichkeit dank des Entstehens der neuen internationalen Bewegung stürmisch.


Wichtige Etappen unseres Engagements waren der Protest gegen den OECD-Gipfel im März 2001 in Neapel, das Engagement während der heißen Tage von Genua <Ende Juli 2001>, die große nationale Manifestation der 150 000 gegen den Krieg am 10.November in Rom, die territorialen Mobilisierungen der Immigranten gegen den infamen Gesetzentwurf der Regierung Berlusconi von Oktober bis Dezember <2001>, die sehr große Demonstration der 150 000 in Rom am 19. Januar 2002 sowie die nationale Manifestation für Palästina der 70 000 in Rom am 9.März <2002>.


An der Arbeitskampffront hat sich die Confederazione Cobas gegen die diversen Maßnahmen der Regierung Berlusconi und für die Erneuerung der Tarifverträge engagiert. Der am stärksten involvierte Sektor war der der Schule, in dem die Cobas eine starke Verankerung haben und wo es uns mit unseren Tageslosungen gelingt, Bezugspunkt für sehr viele Werktätige zu sein und die konföderalen Gewerkschaften <d.h. CGIL-CISL-UIL bzw. ihre Ableger> dazu zu zwingen unter dem Druck ihrer Basis wieder konfliktorientierte Anwandelungen zu bekommen. Der Streik der Cobas Scuola (Basiskomitees Schule) und die nationale Manifestation am 31. Oktober 2001 in Rom haben den Weg zum Konflikt geebnet, der die Mehrheit der italienischen Schulen in den darauffolgenden Monaten erschüttert hat.


Zusammen mit den anderen Organisationen der Basisgewerkschaftsbewegung haben wir an der Organisierung diverser Generalstreiks als Antwort auf die Projekte der Unternehmerschaft und der Regierung gearbeitet. Für den 14. Dezember 2001 haben wir einen branchenübergreifenden Streik mit Demonstrationen in den wichtigsten Städten ausgerufen. Auf diesen sind eine Reihe von Generalstreiks gefolgt: derjenige vom 15. Februar 2002, der von der gesamten Basisgewerkschaftsbewegung ausgerufen wurde, mit einer Demonstration von 150 000 Personen in Rom; der vom 16. April, angesetzt für denselben Tag wie der Generalstreik von CGIL, CISL und UIL, mit dem Ziel die Werktätigen nicht zu spalten, allerdings mit alternativen Demonstrationen in acht italienischen Städten, an denen über 300 000 Arbeiter/innen teilnahmen und der jüngste vom 18. Oktober <2002, zeitgleich mit dem Generalstreik der CGIL>, mit selbstorganisierten Mobilisierungen in 22 Städten. Sodann sind wir in der Referendumskampagne für die Ausdehnung der gewerkschaftlichen Rechte und gegen die Gleichstellung von öffentlicher und Privatschule, gegen den Elektrosmog, die Pestizide und die Müllverbrennungsanlagen engagiert.


Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügungen in eckigen Klammern:

Antifa-AG der Uni Hannover und Gewerkschaftsforum Hannover