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Antifa-AG der Uni Hannover & Gewerkschaftsforum Hannover:


Insbesondere im Zusammenhang mit dem 4stündigen Generalstreik am 26.März 2004 dürfte es interessant sein, etwas über die Mitgliederentwicklung der italienischen Gewerkschaften zu erfahren. Der größte (und unter den drei etablierten der konfliktbereiteste) Gewerkschaftsbund CGIL gab jüngst seine Zahlen für 2003 bekannt und die unabhängige linke Tageszeitung „il manifesto“ fasste sie am 17.3.2004 im nachfolgend übersetzten Artikel zusammen. Wir müssen allerdings entschieden vor einem unkritischen „Genuss“ dieser Zahlen warnen. Wie verschiedene Angehörige des linken CGIL-Flügels mit jahre- und jahrzehntelangem Einblick in die internen Strukturen übereinstimmend berichten, sind die Zahlen der CGIL (ebenso wie die der kleineren, weiter rechts angesiedelten Bünde CISL und UIL) um bis zu 30% „geschönt“, d.h. überhöht. Neben willkürlichen Aufschlägen, um der italienischen Schwäche für bombastische Zahlen zu genügen und ähnliche Praktiken der Konkurrenz auszugleichen, ist es z.B. üblich Leute, die nur ein oder zwei Monate Mitglied waren (weil sie beispielsweise im Januar oder Februar des Jahres wieder aus- oder erst im Dezember eintraten) als ganzjähriges Mitglied zu zählen. Ebenso werden Verstorbene erst zum Jahresende gestrichen, was allein schon einen bedeutenden Faktor darstellt, da die Hälfte der CGIL- und CISL-Mitglieder Rentner sind ! Dennoch besitzen die Entwicklungstendenzen und Größenverhältnisse durchaus eine Aussagekraft, da die Mechanismen und der Umfang der Zahlenkosmetik weitgehend identisch sind. (Nur die kleine UIL übertreibt etwas mehr.)


Die CGIL hat 11 Millionen Beine


2003 wurde die Marke von 5,5 Millionen Mitgliedern übertroffen.

Sehr hoher Turnover. Die Zahl der Neumitglieder beträgt 600.000. Knapp 550.000 erneuerten ihre Mitgliedschaft nicht. Und im Jahr 2003 gab es mehr aktiv Beschäftigte als Rentner. Boom des öffentlichen Dienstes und der Schule. In der kriselnden Industrie hält sich die FIOM gut.


Beppe Marchetti – Rom


Die lange Nacht der italienischen Wirtschaft wird immer tiefer und das Interesse an der Gewerkschaft stärker. So können die Zahlen über die Mitgliederentwicklung der CGIL interpretiert werden, die gestern in Rom vorgelegt wurden. 2003 gab es 50.000 Mitglieder mehr, was in Prozenten ausgedrückt ein Plus von 1% bedeutet und insgesamt zum ersten Mal über die Marke von 5,5 Millionen Mitglieder führt (von denen 48% Frauen sind). Eine stärkere Präsenz gibt es in Sektoren, die den Angriffen der Regierung ausgesetzt sind (Lehrer und Beschäftigte des öffentlichen Dienstes) oder bis vor wenigen Jahren verwaist waren (wie die atypisch Beschäftigten). Generalsekretär Guglielmo Epifani wirkt zufrieden, während er die mit Zahlen überfüllten Tabellen durchgeht. Dies insbesondere aus einem Grund: „Man sagt immer, dass der Mitgliederzuwachs vor allem die Rentner betrifft. Das stimmt nicht mehr. In den letzten Jahren hat sich die Situation umgekehrt.“ 2003 gab es in der Tat 40.000 aktiv Beschäftigte mehr unter den Mitgliedern – gegenüber einem Zuwachs von 12.000 bei den Rentnern. Die erstaunlichste Zahl hebt allerdings der für den Bereich Organisation zuständige Sekretär Mauro Guzzonato hervor. Es ist der Turnover oder anders gesagt die Quantität der neuen Mitglieder. 600.000 neue Mitglieder (d.h. mehr als 10% des Gesamtbestandes) sind eine Ungeheuerlichkeit. Ebenso wie die vielen nicht erneuerten Mitgliedschaften (550.000). Zahlen, die diejenigen erstaunen, die meinen, die CGIL sei ein unveränderlicher Monolith.


Die brachenbezogene Mitgliederentwicklung entspricht zum Gutteil den Dynamiken der italienischen Wirtschaft. Im Großen und Ganzen gehen die Mitgliederzahlen in der Industrie zurück und steigen diejenigen im tertiären Sektor an. So wachsen die FILCAMS (Handel; + 5,5%) und die FISAC (Banken und Versicherungen; + 2,57%) und es schrumpfen die FLAI (Agroindustrie; - 1,53%) und die FILTEA (Textilindustrie; - 1,98%). Die Metallarbeitergewerkschaft FIOM hält sich dagegen gut (- 0,3%) und auch das ist ein wichtiges Signal, da es eine Gegentendenz zur fortdauernden Krise der Metallunternehmen bildet.


Andere Zahlen geben gut die Notstandssituation ganzer Sektoren wider, die der Peitsche der Regierungsbeschlüsse ausgesetzt sind. So wächst die Vertretung unter den Beschäftigten des öffentlichen Dienstes (+ 1,39%) und des Schulwesens (+4,95%). Und nicht nur das: Die CGIL ist angestrengt dabei, auch unter die atypisch Beschäftigten vorzudringen. Hier gab es 2003 ein Plus von 17%, auch wenn die absolute Zahl niedrig bleibt (16.762 <sind in der NIDIL organisiert>).


Die Auffächerung der Zahlen nach Regionen zeigt hingegen, dass das Wachstum im wesentlichen einheitlich war. Den Mitgliederrekord hält weiterhin die Lombardei (889.021; + 1,1%), gefolgt von der Emilia Romagna (814.909; + 0,42%). Zu vermelden ist auch ein Plus von 2,43% auf Sardinien und (mehr als statistische Tatsache, denn als alles andere) die Überwindung der halben Million Mitglieder in der Toskana. Die einzige Region mit einem Rückgang ist die kleine <süditalienische> Region Molise, wo die Mitgliederzahl unter die Schwelle von 24.000 gesunken ist (- 0,46%).


Bedeutsamer sind die davon unabhängigen Zahlen, die Alter, Geschlecht und andere Charakteristika der Mitglieder betreffen. Eine besondere Zunahme ist in den „schwachen“ Kategorien zu verzeichnen, wie den Unter-30jährigen (+ 21% gegenüber 2002) und den Frauen (+ 12%). Noch stärker legen allerdings die Arbeitsimmigranten zu: Hier gibt es eine deutliche Erhöhung um 130.000, was in Prozenten ausgedrückt + 32% gegenüber den Zahlen von 2002 bedeutet.


Bei der weiteren Kommentierung der Zahlen verzichtete Epifani nicht auf den mittlerweile üblichen Hinweis auf die Einheit der Gewerkschaftsbewegung. Die Zahlen, sagte der Generalsekretär, „fügen sich zu den ebenfalls positiven von CISL und UIL hinzu und zeigen, wie es der konföderalen Gewerkschaftsbewegung Italiens <also CGIL-CISL-UIL> gelingt, zuzulegen und ihre Vertretungsbasis trotz dieser wirtschaftlichen Schwächephase auszuweiten“. Dieses Jahr – erklärte wiederum Epifani – hat die Gewerkschaftsbewegung in ihrer Gesamtheit die Marke von 11 Millionen Mitgliedern übertroffen. Ein imponierender Damm, um den vom <italienischen Regierungssitz> Palazzo Chigi ausgehenden Sturzwellen zu begegnen.“


Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügungen in eckigen Klammern:

Antifa-AG der Uni Hannover und Gewerkschaftsforum Hannover