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Antifa-AG der Uni Hannover:


Im Rahmen der, nach den militanten Auseinandersetzungen beim EU-Gipfel Anfang Oktober 2003 in Rom und den kurz darauf erfolgten Festnahmen 7 mutmaßlicher Mitglieder der neuen Brigate Rosse (Roten Brigaden – BR) vom Zaun gebrochenen Gewaltdebatte in Italien, führte die unabhängige linke Tageszeitung „il manifesto“ auch ein Interview mit der langjährigen Führerin der alten BR, Barbara Balzerani. Hierbei handelt es sich um ein sehr interessantes Dokument nicht nur weil Interviews mit ihr eher selten sind und es sich wohltuend von der Kronzeugenschaft eines Sergio Segio (ex-Prima Linea) für die Hetze gegen die außerparlamentarische Linke abhebt (der dabei übrigens mehr oder weniger weit von dem angeblich ach so „linksradikalen“ und „antagonistischen“ Turiner Professor Marco Revelli und dem um seine Regierungsfähigkeit bemühten Chef von Rifondazione Comunista, Fausto Bertinotti sekundiert wird), sondern auch weil sie einen spannenden Vergleich zwischen der damaligen und der heutigen Bewegung zieht und – was ihre eigene Vergangenheit anbelangt – eine Selbstkritik erarbeitet hat, die ohne Reumütigkeit und Unterwerfungsgesten gegenüber den Herrschenden auskommt.

Das Interview erschien in „il manifesto“ vom 1.11.2003.


Diese Roten Brigaden sind nicht unsere Kinder“


Barbara Balzerani: „Das Verhältnis zwischen Bewegung und bewaffneten Organisationen ist abgrundtief anders als das der 70er Jahre. Heute gibt es keinerlei Raum für die bewaffnete Option. Damals sprach man überall darüber. Wir wollten die Revolution. Dies hingegen ist eine soziale und Anti-Kriegs-Opposition.“


Andrea Colombo – Rom


Zwischen den neuen Roten Brigaden und der Bewegung von heute gäbe es, laut den Erklärungen und den Interviews, die in diesen Tagen zirkulieren, ein identisches Verhältnis (wenn auch in geringerem Format) wie jenes, das vor rund 30 Jahren zwischen den bewaffneten Organisationen und den radikalsten Teilen der Bewegung bestand. Ein Verhältnis, das – wenn nicht aus der Flankierung <bewaffneter Aktionen> – doch zumindest aus mitschuldiger Stille und Schweigepflicht (l’omertà) bestehe. Ein Verhältnis, das – laut dem ehemaligen Prima Linea-Mitglied Sergio Segio – durch die Weigerung zweideutig werde, zuzugestehen, dass die neuen Brigadisten aus dem Bereich der Basisgewerkschaften und der Disobbedienti (Ungehorsamen) kommen. Barbara Balzerani, die länger als irgendjemand anderes Leiterin der Brigate Rosse (BR) war, stimmt dem nicht zu.


Welches ist der Unterschied zwischen dem Verhältnis BR und Bewegung heute und dem in den 70er Jahren ?


Der ist abgrundtief. Es ist ein umfassender Unterschied der Umgebung, des kulturellen und historischen Kontextes. Ich verstehe wirklich nicht, wovon Sergio Segio spricht.“


Etwas genauer ?


Damals gab es Tausende von Militanten in den bewaffneten Organisationen und die Zahl der militärischen Aktionen ging in die Hunderte. Ich sage nicht, dass die bewaffneten Gruppen in der Bewegung die Mehrheit gehabt hätten. Aber die Zahl der Militanten ging wirklich in die Tausende. Nach allem, was man weiß, handelt es sich heute um eine sehr begrenzte Gruppe. Um ungefähr 15 Leute, die in 15 Jahren zwei militärische Aktionen durchgeführt haben. Es bleiben schwerwiegende Tatsachen. Das ist klar. Aber es handelt sich um ein Restphänomen. In Italien gibt es keinen Terrorismus-Notstand.“


Denkst Du, dass die Bewegung teilweise eine Zweideutigkeit aufrechterhält und dass sie sich von jenen bewaffneten Restgrüppchen stärker distanzieren sollte ?


Aber wovon sollte sie sich denn distanzieren ? Die Argumentation von Luca Casarini <einem der Köpfe der Disobbedienti> in dem Interview für ‚la Repubblica’ scheint mir ganz vertretbar. Und die ist nicht zweideutig. Er sagt sehr klare Sachen. Entfernen wir doch bitte den Schleier der Heuchelei. Auf der Welt werden grauenvolle Verbrechen verübt und hier spricht man von illegalen Verhaltensweisen. Ich habe wirklich nicht den Eindruck, dass diese Bewegung eine politische und praktische Anlage hat wie jene, die wir in den 70er Jahren kannten. Auch deshalb weil dies eine Bewegung ist, die aus einer historischen Niederlage hervorgeht. Nicht nur aus unserer, sondern aus einer der gesamten revolutionären Hypothese.“


Warum hat Deiner Meinung nach jene Niederlage den Charakter der Oppositionsbewegungen verändert ?


Heute spricht niemand mehr von Revolution. Die Mentalität der 70er Jahre war eine revolutionäre, die darauf abzielte jemandem die Macht zu nehmen. Dies ist eine Bewegung der sozialen und Anti-Kriegs-Opposition, die in manchen Momenten (wie während des Irak-Konflikts) breite Zustimmung findet. Heute verwenden auch diejenigen, die als die ‚Bösesten’ betrachtet werden, keine Praktiken, die denen der 70er Jahre vergleichbar sind. Wenn jemand das meint, bedeutet das, dass offenbar alle jene Geschichte vergessen haben.“


Jemand behauptet, dass die begrenzte Gewalt der heutigen Demonstrationen, auch wenn sie nicht mit derjenigen der 70er Jahre vergleichbar sei, jedenfalls einen ähnlichen Effekt habe und dieselben Degenerationsgefahren mit sich bringe…


Das ist die Wahrnehmung von Leuten, die gebrochen wurden. Wenn Du die Unterschiede zwischen heute und damals nicht siehst, endest Du wie Segio, um einen mechanistischen Diskurs zu führen, demzufolge eine Sache unvermeidlich zur anderen führt. So wie diejenigen, die sagen, dass man automatisch vom Joint zum Heroin kommt. Schau’, manchmal denke ich, dass – wenn man nur die Schandtaten der Macht betrachtet – die Bedingungen für das Entstehen eines bewaffneten Kampfes heute sogar günstiger wären als diejenigen der 70er. So ist es aber nicht, weil die Subjektivitäten ganz andere sind. Es ist die politische und soziale Situation, die die Wiederholung jener Erfahrung nicht erlauben würde. Die Tatsache, dass man das nicht sieht, zeigt, dass jene Geschichte noch nicht ausgewertet, begriffen und überwunden worden ist.“


Der Bewegung wird vorgeworfen, nicht anzuerkennen, dass die neuen Brigadisten aus ihrem politischen und kulturellen Bereich kommen. Genauso wie zu der Zeit als man von Euch als den „angeblichen Roten Brigaden“ sprach…


Selbst wenn man einräumt, dass die Militanten der neuen BR aus den centri sociali kommen (und das ist durchaus nicht gesagt !), nimmt die Spärlichkeit dieses Phänomens ihm jegliche Relevanz. Immer vorausgesetzt, dass es sich um 10 Personen handelt. Das Wichtige ist, dass es in der politischen Debatte dieser Bewegung keinen Raum für die bewaffnete Option gibt. Das war in den 70er Jahren nicht so. Da sprach man überall darüber. Auch diejenigen, die dagegen waren, waren es, weil sie die Zeit für nicht reif hielten und die Formen der bewaffneten Organisationen nicht akzeptierten. Die Option aber wurde von allen in Betracht gezogen. Das siehst Du sogar an den Texten der Lieder. Der Rap der centri sociali spricht von sozialer Wut. Das Liederbuch von Lotta Continua war ein politisches Manifest. Und wo durchdringt diese Kultur des bewaffneten Kampfes diejenige der Bewegung ?“


Die Anschuldigungen spielen offen auf „Infiltrationen der Basisgewerkschaften“ an…


Meiner Meinung nach bedeutet das Reden von einer Infiltration der Basisgewerkschaften durch Rotbrigadisten dieser Gruppe eine sehr viel größere Bedeutung beizumessen als sie in Wirklichkeit hat. Ich wiederhole es: Wir hatten in der Bewegung nicht die Mehrheit, aber wir waren ein real vorhandener Teil. Ich habe nicht den Eindruck, dass die heutige Situation damit vergleichbar ist.“


Wie erklärst Du Dir, dass das Schreckgespenst Eures Experimentes noch immer gegen jede Oppositionsbewegung bemüht wird, die sich auf der öffentlichen Bühne zeigt ?


Weil man verhindert hat, dass jenes Experiment / jene Erfahrung diskutiert und kritisch zurückverfolgt wird, um auf diese Weise eine historische Periode wirklich zu überwinden. Man hat zur Zensur gegriffen und Zensur dient zu nichts.“


Ihr werdet beschuldigt, Eure damaligen Entscheidungen niemals öffentlich kritisiert zu haben…


Das ist nicht wahr. Wir haben niemals die Formel benutzt, der zufolge wir – noch bevor die Diskussion begann – eingestehen sollten, alles Böse der Welt begangen zu haben. Wir haben eine andere Argumentation vorgeschlagen. Wir haben gesagt, dass wir nicht allein waren und dass wir keine Marsmenschen waren, dass – wenn man jene historische Phase erneut durchleben und begreifen will – es notwendig ist, dass alle politischen Protagonisten von damals dies tun und dabei jeder seine Verantwortung übernimmt. Es ist nicht so, dass wir keine grundlegende Diskussion über unser Experiment / unsere Erfahrung hätten führen wollen. Vielleicht wären wir nicht in der Lage gewesen, sie zu führen, aber das ist eine andere Sache. Wir hätten gewollt, aber es war niemand anders dazu bereit. Und das führt dazu, dass man z.B. nicht begreift, dass die Leute von den neuen Roten Brigaden nicht unsere Kinder sind. Auch deshalb, weil wir allen – auch mittels öffentlicher Argumentationen – die Möglichkeit gegeben hatten, die historische Diskontinuität wahrzunehmen.“


Wie denkst Du heute über die Entscheidung für die Klandestinität, die Euer politisches Experiment gekennzeichnet hat ?


Dass es absolut nicht neu vorschlagbar ist. Die Geschichte der BR ist Teil der revolutionären Tradition des 20.Jahrunderts, dessen vielleicht letzte und möglicherweise sogar etwas unzulängliche Interpreten wir waren. Die Welt ist jetzt eine andere. Verstehen wir uns recht: Es gibt noch immer diejenigen, die befehlen und diejenigen, die gehorchen. Es gibt noch immer diejenigen, die essen und diejenigen, die hungern. Aber sowohl die Formen, in denen sich das alles ausdrückt, haben sich geändert als auch die Formen, in denen sich die Opposition gegen diese Realität ausdrückt.“


Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügungen in eckigen Klammern:

Antifa-AG der Uni Hannover