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Antifa-AG der Uni Hannover:


Dokumente des bewaffneten palästinensischen Widerstandes gegen die israelische Besatzung sind selten. Das hängt mit der Tatsache zusammen, daß dieser Kampf in der Klandestinität stattfindet, da die Besatzungsmacht natürlich ein besonders starkes Interesse an seiner Zerschlagung und der Tötung bzw. Gefangennahme seiner führenden Köpfe hat, aber auch mit dem Desinteresse weiter Kreise der bürgerlichen, aber auch der linken Öffentlichkeit. Eine Ausnahme macht da die unabhängige linke italienische Tageszeitung “il manifesto”, die in der Ausgabe vom 12.3.2003 ein ausführliches Interview mit Abu Samadana, dem Mitbegründer der “Komitees des Volkswiderstandes” im Gaza-Streifen, veröffentlichte. Dieses unter schwierigen Bedingungen geführte Interview ist noch immer hochaktuell, da er nicht nur auf die Situation des bewaffneten Kampfes gegen die Okkupation und die Frage der sog. “Selbstmordanschläge” eingeht, sondern auch Stellung zur Rolle des – auf Druck der USA – zum palästinensischen Ministerpräsidenten “gewählten” Abu Mazen (alias Mahmud Abbas) bezieht. Wobei von Bedeutung ist, daß hier keiner der von bestimmten Kreisen so gern beschworenen ”fanatisierten fundamentalistischen Islamisten” spricht, sondern jemand, der vom linken (linkssozialdemokratischen) Flügel der arabisch-nationalistischen und laizistischen Al Fatah des Friedensnobelpreisträgers Yassir Arafat kommt und zum Bereich der Al Aqsa-Brigaden gehört. Auch wenn wir seine Positionen zu den "Selbstmordanschlägen"/ "Märtyreraktionen" nicht teilen, zeigt allein schon diese Tatsache, daß die Welt auch und gerade in Palästina etwas komplizierter (und dialektischer) ist als sie in den "anti-nationalen" bzw. pro-zionistischen Denkschablonen wahrgenommen wird.



“Nein, die Intifada wird die Waffen nicht strecken !”


Interview im Unterschlupf des Meistgesuchten Abu Samadana (dem Gründer der Komitees des Volkswiderstandes), der über die Ernennung des gemäßigten Abu Mazen zum Ministerpräsidenten <der Palästinensischen Autonomiebehörde> sagt: “Der Widerstand wird einen Mann, der die Zeit damit verbringt, seinem Volk Vorwürfe zu machen und über die Besatzung, die unsere Kinder ermordet, schweigt, nicht anerkennen.”


Michele Giorgio – Korrespondent in Gaza City


Es ist tiefste Nacht als uns das Auto mit ausgeschalteten Scheinwerfern in einen verlassenen Ort zwischen Gaza City und dem Flüchtlingslager Al Burej bringt Die letzten 2 – 3 Kilometer haben sie uns die Augen verbunden. Eine Sicherheitsmaßnahme mehr, die seit der Ermordung von Ibrahim Maqadme (einem der namhaftesten und wichtigsten militärischen Köpfe der Hamas) am vergangenen Samstag gegenüber Journalisten (auch palästinensischen) angewandt wird. Er wurde in Sheikh Radwnan, der islamischen Hochburg von Gaza durch die von israelischen Hubschraubern auf sein Auto abgefeuerten Raketen in Stücke gerissen. In der Wohnung erwarten uns drei mit Pistolen bewaffnete Jugendliche. Der Jüngste wirkt als wäre er 15 oder 16 Jahre alt. Draußen halten zwei Shebas in schwarzen Uniformen und von Sturmhauben verdeckten Gesichtern Wache. In den Armen halten sie automatische M 16-Gewehre. Jamal Abu Samadana kommt nach einigen Minuten. Er ist ruhig und unbewaffnet. Unter den Gründern der “Komitees des Volkswiderstandes” (der Front der bewaffneten Gruppen der Intifada im Gaza-Streifen) ist der ehemalige Polizeioffizier und Al Fatah-Aktivist Abu Samadana einer der Meistgesuchten der Intifada. Sein Name ist mit der Zerstörung des ersten Merkava-Panzers in der Nähe der Netzarim-Siedlung verbunden, die der gesamten israelischen Besatzung das Leben kostete.


“Ich habe bei diesem Angriff eine Organisations- und Supervisionsarbeit geleistet”, räumt er ohne Probleme ein. “Wir kämpfen gegen die Besatzungs(streit)kräfte und gegen israelische Siedler und Soldaten Widerstand zu leisten ist unser Recht, weil wir uns auf unserem Boden befinden. Sie dagegen sind die Besatzer” fügt er hinzu. Abu Samadana nimmt jetzt selten an den bewaffneten Aktionen teil, weil er die rechte Hand komplett nicht mehr gebrauchen kann. “Wir besitzen selbstgebaute Raketenwerfer. Eines Tages ist eine Rakete während einer Aktion zu früh explodiert und hat mich schwer am rechten Arm und an der rechten Hand verletzt”, erinnert er sich.


Wir haben mit Abu Samadana über Widerstand, das Leben der Gesuchten, die Zukunft der Besetzten Gebiete und auch über die jüngsten politischen Entwicklungen gesprochen, wie die Ernennung von Mahmud Abbas (Abu Mazen), dem Exponenten der Palästinensischen Autonomiebehörde (ANP), der sich mehr als jeder Andere gegen die Fortsetzung der Intifada ausgesprochen hat, zum Ministerpräsidenten. Gerade gestern hat die US-Administration die von Präsident Arafat an Abu Mazen, einen gemäßigten politischen Führer, der den Vereinigten Staaten und Israel sehr gefällt, abgegebenen Machtbefugnisse als “unzureichend” bezeichnet.


Wie konnte es geschehen, daß ein so wichtiger militärischer Kopf wie Ibrahim Maqadma derart leicht in den Hinterhalt der israelischen Hubschrauber geriet ?


“Die Sicherheitsmaßnahmen, die die Palästinenser anwenden, sind begrenzt und unzureichend. Das ist ein Problem, das man seit langem mitschleppt und das niemals gelöst wurde. Dazu kommt die Anwesenheit vieler Kollaborateure Israels, die im Austausch für einige Dollars im Monat nützliche Informationen weitergeben, um die Köpfe des palästinensischen Widerstandes zu treffen. Hin und wieder finden Versammlungen zu diesem Thema statt, aber die Beschlüsse finden in der Folge keine volle Umsetzung.”


In den letzten Monaten und insbesondere in den letzten Wochen ist die israelische Armee zahllose Male in den Gaza-Streifen eingedrungen. Die Ergebnisse waren verheerend und es gab Dutzende von Toten. Hat diese militärische Eskalation die Zusammenarbeit zwischen den Gruppen des palästinensischen Widerstandes verstärkt ?


“Das Niveau der Zusammenarbeit innerhalb der Komitees des Volkswiderstandes ist erhöht worden. Die militärischen Führer der verschiedenen Organisationen treffen sich häufiger, um die gemeinsamen Gegenmaßnahmen gegen die israelischen Vorstöße zu beschließen. Es existiert ein fester Wille den Widerstand fortzusetzen und zu verbessern. Unser Problem bleiben aber die Waffen. Wir haben keine Waffen, die es uns erlauben würden, uns wirkungsvoll gegen die Panzer und die Hubschrauber zu wehren. Die automatischen Gewehre richten gegen die Panzerung wenig aus und sind nicht in der Lage die Hubschrauber zu bedrohen. Die Raketenwerfer / Panzerfäuste (RPG), die wir dabei sind zu entwickeln, sind noch primitiv. Unsere wirkliche Waffe sind daher die Sprengkörper, die unter den Panzern zur Explosion zu bringen, uns immer öfter gelingt. Sie erschrecken die Israelis sehr.”


Ihr schießt aber auch Raketen, die Ihr “Qassam” getauft habt, auf das israelische Territorium ab. Die Kleinstadt Sderot ist in den letzten Monaten mehrmals getroffen worden...


“Ja, das stimmt. Aber die Qassam sind ungenaue Raketen und solche, die keine Schäden anrichten. So wie die Mörser, die wir gegen die Siedlungen benutzen. Außerdem benutzen wir sie nur, um auf die israelischen Angriffe zu antworten. Wenn sie in unsere Städte und in unsere Dörfer eindringen, dann beantworten wir das, indem wir den Krieg zu ihnen nach Hause tragen. Wir lassen die Israelis dieselbe Angst erleben, die die palästinensischen Zivilisten erleben, wenn die Panzer kommen. Dasselbe gilt für die Shuhada (Märtyrer, die Selbstmordattentäter). Die Israelis bringen unsere Kinder um. Sie zerstören unsere Häuser. Sie besetzen unser Land. Die Shuhada sind die palästinensische Antwort darauf in den Straßen Israels. Sie greifen uns an. Wir haben das Recht, darauf zu antworten.”


Aber unschuldige Zivilisten zu massakrieren, ist falsch. Es ist gravierend, wenn die Israelis das tun und es ist gravierend, wenn es die Palästinenser sind, die das tun. Und dann, wie kann eine Befreiungsbewegung wie die Eure in der Vergeltung den zentralen Punkt ihrer Gesamtstrategie zur Erringung der Freiheit und der Unabhängigkeit sehen ?


“Schauen Sie, wenn man sich – wie wir es in diesem Moment tun – an einen Tisch setzt, um über Strategien und Kampfmethoden zu diskutieren, scheint alles einfach und realisierbar. Das Problem ist, daß es der ganzen Welt nicht gelingt zu begreifen, daß die Palästinenser einen Kampf ums Überleben führen. In Gaza, Nablus und in den anderen palästinenischen Städten verübt Israel jeden Tag Gemetzel, Zerstörungen und alles, was es will. Und was tut die Welt ? Sie kommt an, um uns Vorwürfe zu machen, weil wir mit derselben Brutalität antworten. Es gefällt niemandem zu töten, aber Israel hat beschlossen, uns von diesem Land zu entfernen und wir kämpfen mit jedem Mittel, weil sie uns keine anderen Möglichkeiten lassen. Sie haben keine Skrupel <alles zu tun>, um bestimmte Ziele zu erreichen und wir dürfen sie auch nicht haben.”


Der Zentralrat der PLO und das palästinensische Parlament haben die Ernennung eines Ministerpräsidenten gebilligt. In einigen Tagen dürfte Abu Mazen das Amt akzeptieren und seine Regierung bilden. Wie denken die Palästinenser und insbesondere die bewaffneten Kämpfer über Abu Mazen, der in den letzten Monaten mehrmals das Ende der Intifada und des bewaffneten Kampfes gefordert hat ? Ist er ein Ministerpräsident, der in der Lage ist seine Autorität über die Palästinenser auszuüben ?


(Zuerst zieht er eine Grimasse, dann deutet er ein Lächeln an.) “Abu Mazen ist Teil eines Projektes der Amerikaner und Israels, das darauf ausgerichtet ist, das palästinensische Volk zu beherrschen und zu vernichten. Abu Mazen verkörpert die Bestrafung, die die Amerikaner und die Israelis Arafat verabreichen wollten. Abu Mazen ist nichts wert. Er repräsentiert für die Palästinenser nichts. Der Muqawama (Widerstand) erkennt einen Mann nicht an, der die Zeit damit verbringt, seinem Volk Vorwürfe zu machen und gegen die Besatzung, die unsere Kinder umbringt, den Mund nicht aufmacht. Im Gegenteil, er tut alles, um der Besatzung gefällig zu sein. Abu Mazen ist wie (der afghanische Ministerpräsident) Hamid Karzai eine Marionette der Imperialisten. Aber was glauben sie in Ramallah ? Daß wir vergessen haben, daß (der ehemalige Chef der Sicherheitsdienste von Gaza) Mohammed Dahlan die Kämpfer der Volksfront (PFLP), die in das Büro von Arafat geflüchtet waren, an Israel verkauft hat ?

<Tatsächlich ist die hier angesprochende Geschichte noch übler, weil Arafat selbst den PFLP-Generalsekretär Saadat und vier Kämpfer des bewaffneten Arms der PFLP wochenlang verfolgen und festnehmen ließ, da sie für die Liquidierung des Führers der israelischen Rechtsradikalen und Tourismusminister Zeevi verantwortlich gemacht wurden, die als Vergeltung für die Ermordung des PFLP-Generalsekretärs Abu Ali Mustafa durch die Sharon-Regierung geschah, um sie sodann an Special Forces der britischen und US-Armee zu übergeben, die sie seit über einem Jahr in einem Gefängnis in Jericho gefangen halten, obwohl der Oberste Palästinensische Gerichtshof die sofortige Freilassung zumindest von Saadat angeordnet hat !>

Oder daß (der Wirtschaftsberater Arafats) die Brüder ausgeschaltet hat, die in Bethlehem (in der Geburtskirche) Widerstand leisteten ? Und wir werden auch (den ehemaligen Chef der Sicherheitsdienste im Westjordanland) Jibril Rajub nicht vergessen, der Israel – ohne zu kämpfen – die Mutigen <Aktivisten> der Hamas übergeben hat, die er im Gefängnis festhielt.


Diese Leute sind es, die den Fall <= die Gefangennahme> von Marwan Barghouti (dem Sekretär von Al Fatah), einem der großen Führer des Widerstandes, <durch Israel> begünstigt haben. Abu Mazen ist nur einer von ihnen und wir erkennen ihn nicht nur nicht an, wir lehnen ihn ab. Wir sind dabei für ihn hier in Gaza einen besonderen Empfang vorzubereiten. Wir werden ihm zu verstehen geben, daß man hier jeden Tag stirbt, daß unser Leben für Israel nichts zählt. Daß die einzige Möglichkeit darin besteht, das Gewehr zu nehmen und unsere Häuser zu verteidigen.”


Ihr erklärt Euch bereit Widerstand zu leisten, aber gleichzeitig räumt Ihr ein, nicht die Waffen zu besitzen um das israelische Eindringen zu stoppen. Wie gedenkt Ihr also die mögliche israelische Wiederbesetzung von Gaza, die viele Palästinenser (besonders in den Tagen des US-Angriffs auf den Irak) fürchten, aufzuhalten ?


“Wir sind bereit Widerstand zu leisten und zu sterben. Wir haben keine Waffen, aber Mut und Willen. Wir können auf ca. 10 000 Mann zählen, die in der Lage sind zu kämpfen und hinter ihnen könnten die Tausenden von Polizisten der ANP und viele andere Brüder, die mit der Waffe umzugehen verstehen (und sei es auch nur mit einer Pistole), auf den Plan treten. Unsere Häuser werden nicht unverteidigt bleiben.”


Gelingt es Euch, eine politische Lösung und nicht nur eine militärische für diesen Konflikt mit Israel zu sehen ?


“Sie (die Israelis) müssen unser Land verlassen, müssen Gaza und das Westjordanland verlassen und zwar sofort. Das ist der Ausgangspunkt einer politischen Lösung, nicht die Kapitulation der Palästinenser. Nicht die einseitige Feuereinstellung, die Abu Mazen will, sondern der Abzug der Soldaten und der israelischen Siedler, die unser Land besetzen.”


Vorbemerkung, Übersetzung aus dem Italienischen und Einfügungen in eckigen Klammern: Antifa-AG der Uni Hannover


Die Einfügungen in den runden Klammern stammen weitgehend von der “il manifesto”-Redaktion !